Wie man Städte bereisen
sollte
1. Kaufen Sie topografische Karten Ihrer Stadt im Maßstab 1:25.000 (gibt es in
Deutschland im Katasteramt und bei den Landesvermessungsämtern)
2. Finden Sie heraus, welche die Ortsteile sind, die im kollektiven Bewußtsein
der Stadt von sich selbst unterrepräsentiert bis nicht vorhanden sind.
3. Suchen Sie diese Orte auf. Stellen Sie Besonderheiten fest. Halten Sie sich
über längere Zeiträume dort auf. Machen Sie Fotos von Orten, Dingen und Menschen,
die Ihnen zugleich typisch und fotografisch repräsentierbar erscheinen. Sprechen
Sie mit Leuten, die sich an diesen Orten schon länger aufhalten als Sie.
4. Lassen Sie die Fotos entwickeln und abziehen. Was sehen Sie? Was ist alles
nicht auf den Fotos? Konnte es überhaupt auf Fotos erscheinen?
5. Kehren Sie zu den Orten zurück. Haben Sie Geduld. Lassen Sie Langeweile einfach
vorübergehen.
6. Kehren Sie mehrfach zurück, mit und ohne Kamera. Führen Sie Gespräche, trinken
Sie Kaffees in den unscheinbarsten Lokalen. Betrinken Sie sich am hellichten Tag.
Schlafen Sie Ihren Rausch an einem unpassenden Ort aus. Kommen Sie wieder mit
Schlafsack und Zelt oder übernachten Sie in einer Pension/ Zimmer mit Frühstück/
kleinem Hotel.
7. Gehen Sie nochmals ins Katasteramt, um Karten und Luftbilder des Gebietes Ihrer
engeren Wahl, im Maßstab 1:5000, in zweifacher Ausführung, zu besorgen. Montieren
Sie eine Ausführung zu einem zusammenhängenden Bild und hängen Sie dieses an die
Wand Ihrer Wohnung/ Ihres Arbeitsraumes (wenn die Wandfläche nicht ausreichen
sollte, mieten Sie für diese Zeit einen Raum mit entsprechend großen Wänden).
8. Lassen Sie die Grafik auf sich wirken. Vergleichen Sie die Struktur der unter
Punkt 2 als unterrepräsentiert befundenen Ortsteile mit denen der identitätsbildenden
Ortsteile. Was fällt Ihnen auf? Versuchen Sie, es in Worte zu fassen. Machen Sie
Notizen.
9. Hängen Sie neben die Karten und Luftbilder im Maßstab 1:5000 Ihre topografische
Karte im Maßstab 1:25.000. vergleichen Sie. Prägen Sie sich alles gut ein. Stecken
Sie den zweiten Satz Karten und Luftbilder M 1:5.000 in eine Papprolle und legen
Sie diese zu Ihrer Reiseausrüstung.
10. Lassen Sie die Sache ruhen. Verbringen Sie einige tage oder Wochen mit Broterwerbstätigkeit
oder reisen Sie in ferne Länder. In dem Maße, in dem Ihre Sehnsucht nach Fortsetzung
der Untersuchung steigt, werden Sie Klarheit über das Wesen der Untersuchung gewinnen.
11. Lesen Sie niemals die lokale Tageszeitung. Die Oberflächlichkeit ihrer Betrachtungen
widerspricht ihrem Gewicht als Gedrucktem. Das würde Sie irritieren und zurückwerfen.
Wahrscheinlich hat jede ihrer eigenen Erkenntnisse zu diesem Zeitpunkt bereits
mehr Gewicht.
12. Besuchen Sie statt dessen Archive von Stadtverwaltungen, Wohnungsbaugesellschaften,
die Lokalita-Regale von Antiquariaten, Plankammern, Bildarchive, Heimatvereine.
Atmen Sie den Geist dieser Häuser.
13. Gehen Sie Fragen, die auftauchen, hartnäckig nach. Nicht, um die Wahrheit
zu erfahren, sondern um viel zu hören zu bekommen; das hilft, die Grenzen zwischen
Innenbildern und Faktizität aufzulösen.
14. Variieren und ergänzen Sie die Schritte 1 bis 13, bis Sie sich kompetent fühlen
für die Schritte 15 bis 19.
15. Stellen Sie sich vor, Sie müßten Ihr Innerstes nach außen kehren. Dabei könnten
Sie weder sprechen noch schreiben. Aber Sie kennen all diese Orte. Welche Orte
würden Sie Ihrem Gegenüber zeigen, um etwas von sich zu erzählen? In welche Reihenfolge
würden Sie sie bringen, um ihre Wirkung zu verstärken?
16. Ihr Gegenüber kommt aus identitätsbildenden Regionen der Stadt. Welches Gefühl
für diese Terra Incognita möchten Sie ihm vermitteln?
17. Welche identitätsbildenden Elemente enthält die Terra Incognita selber? Tappen
Sie nicht in die Falle der Stadtplaner und Lokalpolitiker, sondern nehmen Sie
diese Elemente einfach zur Kenntnis. Meistens werden Sie sie umgehen.
18. Gibt es Sensationen? Wenn ja, welche? Kommt in diesen Sensationen etwas verstärkt
zum Ausdruck, das das ganze Gebiet wie gewisse Gerüche, die man nur dicht über
dem Boden riecht, durchzieht? Unbedingt einbauen!! (auch wenn die Lautstärke dieser
Sensationen unter Umständen den ganzen Spannungsbogen neu zu gestalten zwingt).
Andere Sensationen sind wertlos, wird es aber auch kaum geben.
19. Führen Sie Freunde und Fremde zu Ihren persönlichen Plätzen. Riskieren Sie
peinliche Momente. Fassen Sie Ihre Vorlieben in Worte, die diese Vorlieben ausdrücken
und begründen. Prägen Sie sich Formulierungen, bei denen die Peinlichkeit verschwindet,
ein.
20. Verfeinern Sie den Weg über die Jahre