Nordsüdfahrt 1999 revisited
Im Bereich der Auf- und Abfahrten der Severinsbrücke haben Finanzbeamte, Berufsschüler
und Obdachlose ein Subsystem aus Trampelpfaden und illegalen Straßenüberquerungen
geschaffen. Überquert man die Kreuzung auf diesen Trampelpfaden, eröffnen sich
erstaunlich lauschige Grünräume. In den Gebüschsäumen der Auffahrtskreisel haben
Obdachlose ihre Nachtlager. Auf den Bänken des Karl-Berbuer-Platzes verbringen
sie den größten Teil des Tages. Der Spielplatz auf der entgegengesetzten Seite
des Auffahrtskreisels ist ihr Ausflugsort.
Die Peripherie im Inneren der Städte ist die "Unwirtlichkleit unserer Städte"
(Mitscherlich), der bedeutungslose Raum. Wir sollten solche Räume nicht mehr ohne
Verhandlung aburteilen, sondern ihnen eine Chance geben, ihre - von der umgebenden
gestalteten Stadt grundverschiedenen - Qualitäten auszuspielen und zu entfalten.
Die Unwirtlichkeit dieser Orte ist kein Ergebnis quasi-natürlicher Prozesse, das
wie ein Naturereignis akzeptiert werden muß, sondern eine Erscheinung, die einer
zeitgebundenen Denkrichtung entsprang, die weder in ihrer Konsequenz unausweichlich
noch ohne Widerspruch war; also eine Erscheinung, die man durchaus als gescheitertes
Experiment betrachten kann, dessen Überresten man sich nun zu entledigen sucht.
Das größte Engagement bei dieser Reparaturarbeit ("die Zerstörung der Zerstörung"?)
beobachtet man bei den Planergenerationen, die seinerzeit entweder als "Täter"
mitgewirkt haben oder als damals Betroffene, aber noch nicht an der Entscheidung
Beteiligte, Opfer der Verunwirtlichung wurden. Die nachfolgenden, weniger traumatisierten
Generationen haben ein entspannteres Verhältnis zur Unwirtlichkeit diffuser Stadträume
und sie entdecken dort ungeahnte Qualitäten. Auch die Nord-Süd-Fahrt hat interessante
Nischen, ästhetische Löcher und spannungsreiche Kontraste produziert. Als Straßenraum
ist sie ein Fremdkörper. Als Strukturelement ist sie sehr kölnisch. Die häufig
besungene ausgeprägte Identität selbst kleinster Quartiere wäre im Innenstadtbereich
ohne dieses Bauwerk wohl längst nivelliert.
Die Nordsüdfahrt gilt vielen Kölnern als größte Bausünde des Wiederaufbaus. Als
vier kilometer langes Niemandsland durchschneidet sie die Kölner Altstadt innerhalb
der Ringe auf ihrer ganzen Länge. Sie trennt Wohnviertel, zerschneidet die City,
wo eigentlich ihre strahlende Mitte gedacht war (am Opernplatz) und zieht den
Autoverkehr in die Innenstadt. Als Straßenraum ist sie nicht vorhanden und ihre
Randbebauung ist größtenteils gesichtslos, häufig von ihr abgewandt. Rat und Verwaltung
haben in den letzten 10 Jahren mehrere Anläufe unternommen, sie zurückzubauen,
zu überdeckeln, zu vergraben. Kleine Maßnahmen sind umgesetzt worden (Rückbau
zwischen Eigelstein und Unter Krahnenbäumen), eine größere wird diesen Sommer
begonnen (Bedeckung der Tunneleinfahrt an der Schildergasse). Das Alles wird die
Nord - Süd - Fahrt nur geringfügig entschärfen. Als vier kilometer langes Band
innerstädtischer Peripherie wird sie uns erhalten bleiben. Grund genug, sie sich
genau anzusehen. Zunächst ein Blick auf ihre Entstehungsgeschichte:
"Was da mit lautloser Gewalt unsere Städte zu verformen beginnt, ist das neue
Ereignis des Verkehrs. Die scheinbare Selbstverständlichkeit, mit der er anschwoll
und sich Bahn brach, darf nicht darüber hinwegtäuschen, daß es sich um sehr geheimnisvolle
Kräfte handelt, die hier zu wirken beginnen. Man könnte den Vorgang als den Einbruch
der Technik in die Städte bezeichnen. Es müßen wohl im Menschen Kräfte geschlummert
haben, weit über das Maß des eigenen Leibes hinaus durch Konstruktionen und Fahrzeuge
ungeheure Dimensionen in Raum und Zeit anzunehmen, die nun wach wurden. Er stellt
diese neuen Werke heraus und setzt sich dann selbst als Lenker ein, ein multiplizierter
Mensch, gegen desses ungeheures Vermögen der Mensch alter Zeiten zum musealen
Exemplar herabsinkt."
Diese schönen Worte stammen aus dem 1950 erschienenen Buch "Das neue Köln, ein
Vorentwurf" von Rudolf Schwarz. Der Architekt und Stadtplaner Rudolf Schwarz war
von 1948 bis 1951 Chef der "Wiederaufbau GmbH", einer von der städtischen Verwaltung
unabhängigen Planergruppe, in deren Händen die gesamte Wiederaufbauplanung der
Stadt, inclusive der Generalverkehrsplanung, lag. Schwarz analysierte die vorhandene
Stadtstruktur gründlich und gewissenhaft und versuchte, sie modernen Erfordernissen
anzupassen. Autofreie Innenstädte waren damals noch kein Thema. Schon garnicht
in Köln, dessen Altstadt innerhalb der Ringe eine der größten nördlich der Alpen
war. Um Altstädte für den modernen Verkehr umzubauen, wurden damals überall in
Deutschland breite Schneisen durch die wenige erhaltene Bausubstanz geschlagen.
Die Schaffung einer Ost-West-Achse (Hahnenstraße - Cäcilienstraße - Pipinstraße)
hatten die Nazis bereits erledigt (sogar so breit, daß man nun ihren Rückbau in
Angriff nahm), zur Schaffung einer Nord - Süd - Innenstadtdurchfahrung waren sie
nicht gekommen. Diese hatte schon Fritz Schumacher, der in der zwanziger Jahren
für die Kölner Generalplanung zuständig gewesen war, gefordert. Schumacher hatte
die Nord-Süd-Durchfahrung der Innenstadt als Verbreiterung der alten römischen
Nord-Süd-Achse Eigelstein-Marzellenstraße-Hohestraße-Hohepforte-Severinstraße
gedacht. Die Nazis hatten ihre Nord-Süd-Achse ebenfalls in diesem Verlauf gesehen.
Rudolf Schwarz´ Analyse des gewachsenen Stadtgefüges hatte ihn jedoch zu dem Schluß
gebracht, daß die alten Straßen und Plätze in ihrem räumlichen Gefüge zu schützen
seien. Daher legte er die NSF, wo es möglich war, in das Innere der Blöcke. (Deren
schmucklose Innenseiten wurden somit zu dem der Straße zugewandten Gesicht. Allerdings
standen seit den Bombardements ohnehin nur noch wenige Gebäude.) Die neue Straße
sollte von privaten Zufahrten frei bleiben und möglichst wenige, große Anlieger
(Banken, Versicherungen, WDR, Polizeipräsidium) bekommen, die zum einen im Maßstab
zu ihr passen und zum anderen zentralisierte und somit leicht auf die neue Straße
abstimmbare Zufahrtssysteme erhalten sollten.
Die Wiederaufbau GmbH wurde 1951 aufgelöst. Die Stadtplanungsabteilung innerhalb
des Städtebauamtes übernahm die Geschäfte. Verkehrsprosa wich technokratischem
Eifer. Die Festlegung des endgültigen Verlaufs der neuen Straße dauerte noch bis
1957. Bis dahin waren jedoch stellenweise schon Tatsachen geschaffen worden. Schwarz
hatte die neue Straße ursprünglich halb so breit vorgesehen, wie sie nun zur Ausführung
kam. Die beschlossene Verbreiterung der NSF von 18 auf 32 meter ließ sich nicht
mehr durchgängig realisieren, weil einige Grundstückseigentümer bereits bis an
die bis dahin angenommene 18m- Linie herangebaut hatten. Besonders im Bankenviertel
hatte die Kapitalkraft der Bauherren den Wiederaufbau beschleunigt, so daß man
hier nun in eine zweite Ebene ausweichen mußte, um einen Verkehrsengpass zu vermeiden.
Gemeinsam mit der Nord-Süd-Fahrt wurden einige ergänzende Straßenverbreiterungen
und Durchbrüche in Ost-West-Richtung geplant. Diese wurden in die Nord-Süd-Fahrt
eingehängt, so daß sich ein Netz aus modernen Straßen bildete. Diese, die NSF
ergänzenden Straßenzüge sind Viktoria-und Kyotostraße, Zeughausstraße-Albertus-Magnus-Straße,
Mühlenbach-Blaubach-Rotgerberbach-neue Weyerstraße und die Ulrichgaße. Im Süden
und Norden baute man neue Brücken (Severinsbrücke, Zoobrücke), die jeweils Autobahnänlichen
Anschluß bekamen.
Rudolf Schwarz hatte die neuen Straßen so gelegt, daß sie nach Möglichkeit keine
bestehenden Viertel zerschneiden, sondern auf deren Grenzen verlaufen sollten:
"Der große Verkehr soll die Viertel begrenzen, wobei die großen Straße ungefähr
den gleichen Dienst tut, den früher die Stadtmauern leisteten. Sie soll nur an
einigen wenigen Stellen, die man gut mit den alten Stadttoren vergleichen kann,
gekreuzt werden."
Jeweils zwei bis drei alte Kirchspiele sollten eine neue städtebauliche Einheit
bilden: "Der Umzug in ein anderes Stadtviertel kam fast einer Auswanderung gleich.
Das soll wieder so werden, die Stadt soll wieder aus Stadtstädten als ihren Bausteinen
errichtet werden und jede davon soll ihr eigenes Leben führen." Als Mittelpunkt
dieser Einheiten waren die Schulen vorgesehen. "So scheint uns das eigentliche
tragende Werk einer Siedlung weder Kirche noch Volkshaus, sondern die Schule zu
sein. In der Jugend eine gemeinsame Schule besucht zu haben schafft fürs ganze
Leben ein starkes Gefühl der Verbundenheit" Zwischen dem belebten Kölner Flußufer
und den belebten Kölner Ringen gibt es auffällig kleingeistige und unbewegliche
Bereiche. Diese bilden zusammen den harten Kern, durch den die Nordsüdfahrt hindurchgebpohrt
wurde. Es befinden sich hier also spießige Unbeweglichkeit und technokratisch
gedachte, mechanische Beweglichkeit (Verkehr) nebeneinander (die positiv besetzten
Entsprechungen wären Idylle und Weltläufigkeit). Pantaleonsviertel, Griechenmarktviertel,
das Quartier um St. Ursula und Unter Krahnenbäumen sind die Viertel, in denen
die Isolation durch die großen Straßen als Stadtmauern am deutlichsten spürbar
ist. Auch nach zehn Jahren in Köln entdeckt man hier immer wieder ganze Häuserblocks
und Straßengevierte, die sich bis dahin erfolgreich einer Kenntnisnahme entzogen
hatten. In diesen Vierteln scheint die Zeit um 1965 stehengeblieben zu sein. Eine
bedrückende Ruhe herrscht in ihren Gassen.
In der City bewirkte die Nord-Süd-Fahrt den wirtschaftlichen Abstieg der Breitestraße,
die vor dem Krieg gleichbedeutend mit der Schildergaße gewesenwar. (die Schildergaße
wurde unterfahren, um die Antoniterkirche zu schonen). Bis in die 70er Jahre gab
es an der Breitestraße zahlreiche Trümmergrundstücke, so uninteressant war ihr
Immobilienwert durch die Abtrennung des Anschlußes an die Hohe Straße geworden
(die Schildergasse hingegen boomte).
Zwischen Schildergasse und Breitestraße wurde der Opernplatz eingehängt. Er sollte
die festliche neue Mitte der Stadt werden. Daraus wurde nichts. (Seit der Wiedereröffnung
der Opernpavillons sieht man immerhin überhaupt Menschen, die sich auf dem Platz
aufhalten).
Am interessantesten ist die Nord-Süd-Fahrt an ihren beiden Enden: Zwischen Hauptbahnhof
und Ebertplatz und im Bereich der Auf-und Abfahrtsrampen der Severinsbrücke ist
die Zerschlagung des vorherigen Straßengefüges am deutlichsten nachvollziehbar.
Die größte Schwäche vieler wiederaufgabeauter Städte ist ihre Informationsarmut.
Der gestalterische Druck war hier, außerhalb der City, so niedrig, daß die Wunden
und Narben nur verkrustet, aber nicht poliert sind. Narben sind informierte Stellen.
Fixpunkte dieses relativ souveränen Umgangs mit den Folgen von Stadtmodernisierung
sind im Süden die Häuser Ankerstraße 6 bis 10 und im Norden das Afri-Cola-Haus.
Die Nord-süd-fahrt gliedert sich von süden nach norden in folgende Teile: Kreuzungsbereich
Severinsbrücke/ Perlengraben/ Ulrichgasse (Eleganz der Verkehrskreisel, weite
Blicke, Großzügigkeit), Abschnitt zwischen Blaubach und Cäcilienstraße (Tristesse
pur), Abschnitt zwischen Cäcilienstraße und WDR-Archivgebäude (Unterfahrung des
Konsumbereichs und Verkehrshindernis für Fußgänger), WDR-Archivgebäude bis Bahnunterführung
(bei Hitze Anflug von Wall-Street- Atmosphäre), Bahnunterführung bis Ebertplatz
(Trennung von UKB und Eigelstein, schöne Sonnenuntergänge an der Kreuzung NSF/Unter
Krahnenbäumen, Afri-Cola-Haus, neuerdings der, letztendlich renaiisanceidealen
verpflichtete Versuch, die NSF durch Gebäude räumlich zu fassen. Dadurch abermals
Vernichtung von Information und weitere Banalisierung).
Beiderseits entlang der Nord-süd-Fahrt reihen sich die Incognitoviertel auf. Am
spießigsten: das Quartier zwischen St. Pantaleon und Ulrichgasse. Zweiter Platz:
Griechenmarktviertel. Das Quartier um St. Ursula profitiert von der brutalen Zerschneidung
durch die Bahn und Unter Krahnenbäumen hat seine Legende (von der heruntergekommene
Hinterhöfe geblieben sind) und die Musikhochschule (die die Straßen von UKB mit
den Tönen übender Musiker untermalt).
Eine Frau steht auf einem Stück Gehsteig. Sie blickt auf die Autos, die unter
ihr herfahren. Hinter ihrem Rücken machen andere Autos U-Turns. Ein Mann betritt
die Gehsteiginsel. Er trägt Anzug und Krawatte. Gemeinsam verlaßen sie die Gehsteiginsel
in die entgegengesetzte Richtung, aus der der Mann gekommen war., in Richtung
Parkhaus Enggasse. Das Parkhaus in der Enggasse wird hauptsächlich von Bank- und
Versicherungsangestellten genutzt. Die Decken sind niedrig. Auf dem Asphaltdach
flimmert die Luft.