"Lärmschutzwäldchen, ehemalige Deponien und Bauerwartungsland sind die Freelancer und Schwarzarbeiter des Flächennutzungsplans" - "deregulierte Verhältnisse brauchen deregulierte Geografie"

Lärmschutzwäldchen, ehemalige Deponien und Bauerwartungsland sind typische Vertreter des in Ballungsgebieten üblichen Flächenpatchworks. Innerhalb dieses Patchworks stellen sie drei von vielen Sorten undefinierter Räume dar. Undefinierte Räume nenne ich all jene Räume, die im Flächennutzungsplan entweder keine Widmung erhalten haben oder deren offizielle Widmung nicht an ihrer Gestalt ablesbar ist.
Die Abwesenheit oder Nichtablesbarkeit von geplanter Widmung geht einher mit Abwesenheit von vorgedachter Gestalt, mit nicht erkennbarer Besitzzuornung und häufig auch mit ebenfalls nicht vorhandener oder zumindest nicht auf den ersten Blick erkennbarer Aneignung.
Verwendet man diese Kriterien für eine erweiterte Definition von Brache, so bestehen große Teile städtischer Peripherien aus Brache. Unsere Ballungsgebiete -im großen Masstab betrachtet - sind dann ebenfalls als Brache deutbar, da sie weder gestalterisch entworfen sind, noch sie sich jemand als großes Ganzes - wie z. B. in Form einer Corporate-Identity beim City-Management der Innenstädte oder als geografische Einheit bei Ausflugsgebieten - geistig aneignet. So gesehen sind die Flächen, die auch in kleinerem Maßstab diese Kriterien erfüllen - also Das, was gewöhnlich Brache genannt wird - Stellvertreter für die Landschaften, in denen Sie sich häufig befinden. Deshalb muß der Versuch einer neuen Sichtweise auf Phänomene, die bisher mit den Begriffen "Zersiedelung", "Naturzerstörung", "Landschaftsraubbau", "Formlosigkeit" denunziert wurden, am Umgang mit Brachen ansetzen. (Natürlich sind Brachen - auf der mittleren Ebene ihrer "Nachbarschaften" betrachtet - Leerstellen oder Löcher. Dieser Doppelcharakter von Leerstelle und Stellvertreter macht sie so vielschichtig).

Die diffusen Räume unserer Ballungsgebiete sind für die meisten Menschen zeichenlos. Dem ungestalteten Raum wurden keine expliziten Zeichen für seine Lesbarkeit gegeben und die Nutzung dieser Räume ist auf den ersten Blick so bezugslos zu dem Ort, an dem sie stattfindet ( Pendlertum, Schlafstädte, Baumärkte), daß auch von dieser Seite keine den Ort unverwechselbar kennzeichnenden Zeichen entstehen. Wenn überhaupt Zeichen gesehen werden, dann sind sie also austauschbar -das heißt, der Ort bleibt anonym ( MC DRIVE). Daneben gibt es noch negativ besetzte Zeichen wie arbeitslose Jugendliche, nach Einbruch der Dunkelheit leere Straßen und Autobahnlärm.
Ich werde versuchen, den tatsächlichen Zeichenreichtum solcher Gegenden aufzuzeigen, wobei auch die Zeichen (-und Ereignis)armut der Peripherie als charakteristisches Merkmal - das dem Ort besondere Aufenthaltssqualitäten verleiht - verstanden werden kann. In diesem Falle flottieren die Ereignisse - wie Planeten in den Vorspannen von Science - Fiction - Filmen - frei im Raum. Einer davon ist man selber. (Das ist die Empfindung, die sich einstellt, wenn man zwar lange genug vor Ort ist, um überhaupt ein Aufenthaltsbewußtsein zu entwickeln - also das Transitstadium überwunden hat - aber noch nicht so lange, daß eine Verdichtung der Informationen - durch Absinken der Reizschwelle einerseits und Erschließung neuer Informationsfelder andererseits - stattgefunden hat.)

Ich werde den tatsächlichen Zeichenreichtum solcher Landschaften am Beispiel des mir besonders gut bekannten Gebietes zwischen Bonn, Leverkusen, Bergisch-Gladbach und Bergheim aufzeigen, dann aber von der Semiotik weitgehend absehen und über die Bedeutung dieser scheinbar diffusen Räume für die Industriegesellschaft des neuen Jahrtaususends sprechen. Auch diese Argumentation ließe sich wahrscheinlich semiotisch führen, aber ich habe es vorgezogen, dieser Bedeutung auf einer strukturellen - und eher abstrakten - Ebene einerseits und auf einer an individuellen Biografien und den daraus hervorgehenden Bedürfnißen orientierten Ebene andererseits, nachzugehen.

"Lärmschutzwäldchen, ehemalige Deponien und Bauerwartungsland sind die Freelancer und Schwarzarbeiter des Flächennutzungsplans" - "deregulierte Verhältnisse brauchen deregulierte Geografie"

Viele Lärmschutzwäldchen offenbaren, wenn man sie betritt, eine erstaunliche räumliche, atmosphärische und erzählerische Dichte. Als Ergänzung zu benachbarten Siedlungen, zu deren Schutz sie gepflanzt - oder, besser noch - stehengelaßen wurden, dienen Lärmschutzwäldchen als Abenteuerspielplatz, Müllabladestelle, Rückzugsort für sexuelle Erfahrungen. Jeder Ast in erreichbarer Höhe ist abgebrochen und jeder auf dem Boden liegende Ast mindestens fünf mal durchgetreten; alte Bombenkrater sind, mit Europalletten und Ästen bedeckt, zu Höhlen ausgebaut. Der Rohstoff für diese Baumaßnahmen kommt, außer von den Bäumen, aus den an der Straße gelegenen Randbereichen des Wäldchens, in denen Sperrmüll abgelegt wird; wer auf die Anwesenheit der Zeitschriften "Coupê" und "Happy Weekend" eine Wette abschließt, wird sie wahrscheinlich gewinnen. Benutzte Condome findet man seltener.

Das Gelände ist durchzogen von Trampelpfaden verschiedener Größenordnung. Soziologen nennen diese Zonen die Schweifzonen. Gelegentlich sind durch das Fällen kleiner Bäume Lichtungen entstanden, die als Grillplatz dienen. Der Grillplatz besteht aus der Feuerstelle, mit Verkündungen gezierten Bäumen und einer Grube, in der leere Bierdosen gesammelt werden. Neben den Schweifzonen gibt es die Rückzugsgebiete. Außer den genannten Höhlen in Bombenkratern, deren Standorte, weil nicht frei wählbar, meist ungünstig liegen, gibt es hier - ebenfalls aus Sperrmüll gezimmerte - Hochbauten, die jeweils einen Sommer bestehen. Sie werden anschließend von verfeindeten Gruppen oder von Schnee, Regen und Wind zerstört. Diese Rückzugsbauten stehen niemals im relativ lichten Wald der Schweifzone, sondern immer in weniger einsichtigen, buschigeren Randzonen des Wäldchens, also zum Beispiel in freigeschlagenen Innenräumen innerhalb des Streifens aus dichtem Brombeergestrüpp, der sich zwischen Wäldchen und Garagenhof samt Parkplatz befindet. So wie der Rand der Siedlung, also das Wäldchen, einen Rückzugsort darstellt, so stellt innerhalb des Wäldchens auch dessen Rand, das Brombeergestrüpp, einen noch intimeren Rückzugsort dar.

Ehemalige Deponien haben meist eine bewegte Topografie. Die verschiedenen Verfüllmaterialien haben sich im Laufe der Jahre verschieden stark gesetzt und eine Buckellandschaft hinterlaßen. Auf den, von LKW-Ladung zu LKW-Ladung variierenden Materialien haben, auf kleinstem Raum, verschiedenste Pflanzengesellschaften zusammengefunden. Durch die hohe Anzahl an unterschiedlichen Eindrücken, die man bei ihrer Durchquerung erfährt, hält man diese Flächen anschließend meist für viel größer, als sie es tatsächlich sind. Ähnlich wie bei den Wäldchen führt ihre hohe Informationsdichte, in diesem Fall durch die Flora vermittelt, zu subjektiver Vergrößerung. Versucht man später, diese Flecken auf der topografischen Karte wiederzufinden, so ist man oft überrascht über ihre tatsächliche Winzigkeit.
Deponien sind, fast ausnahmslos, in vorangegangenen Gruben - häufig Lehmgruben für Ziegeleien und Kiesgruben für Beton,-und Straßenbau - angelegt worden. Dadurch bilden sie in der Mehrzahl, auch heute noch, Senken. Die abgesenkte Lage verstärkt den Effekt räumlicher und atmosphärischer Geschlossenheit. Tatsächlich sind ihre tiefsten Stellen oft die Einzigen, an denen das allgegenwärtige Rauschen der umgebenden Autobahnen verstummt.

Bauerwartungsland verdankt seine räumliche und atmosphärische Besonderheit seiner Lage. Häufig ist es Ackerland oder ehemaliges - jetzt brachliegendes - Ackerland, also Wiese, an der sich der alte Acker noch ablesen läßt. Durch seine Lage in direkter Nachbarschaft von - häufig auch ringsum umgeben von - Wohn- und Gewerbegebieten, vermittelt Bauerwartungsland einen überraschenden Eindruck von Weite.
Der sogenannte "Millionenacker" in Köln- Ostheim - zu einer Seite flankiert von einer Einfamilienhaussiedlung aus dem dritten Reich, zur anderen von 13- geschoßigen Wohnhochhäusern aus der Zeit um 1970 - ist, aus dem Wäldchen, das den Ostheimer Schützenverein beherbergt kommend, eine räumliche Offenbarung. Wie in F.K.-Wächter-Zeichnungen aus den 70er-Jahren erheben sich im Abendlicht jenseits des Ackers die Silhouetten des sozialen Brennpunkts Gernsheimerstraße und die, in ihrer ideologischen und gestalterischen Einfältigkeit fast schon anrührenden Haus-vom-Nikolaus-Architekturen der Nazis.

Die Beschreibungen von Vorstadtszenerien ließen sich unendlich fortsetzten. Als typische, weil besonders häufig vorkommende Vertreter seien hier noch genannt: Kiesgruben, aufgegebene Gärten, für große Verkehrsplanungen freigehaltene Flächen - besonders interessant, weil Linear, die fließenden Grünräume in mehrgeschoßigen 50er-Jahre-Siedlungen, aufgegebene Industriestandorte und natürlich - besonders am Niederrhein - die großen Überschwemmungswiesen.
All diese Orte zeichnet aus, daß ihr augenblicklicher Charakter ihre Widmung im Flächennutzungsplan, sofern eine existiert, nicht erkennen läßt Das Wäldchen verdankt zwar seine Existenz, nicht aber seine besondere Qualität, der Funktion Lärmschutz.
Die ehemalige Deponie harrt der ausreichenden Setzung ihrer Verfüllmaterialien - ca. 30 Jahre. Dabei hat sie den Charakter einer Oase und Mikrolandschaft angenommen, der sie vollendet und endgültig erscheinen läßt.
Der Millionenacker ist - in seiner Lage und Eigenart - ebenfalls so vollkommen, daß man sich der Weite, die er auf kleiner Fläche subjektiv vermittelt, anvertraut wie der Weite berühmter heroischer Landschaften. Auch diese Qualität ist noch in keinen Flächennutzungsplan eingefloßen.

"Lärmschutzwäldchen, ehemalige Deponien und Bauerwartungsland sind die Freelancer und Schwarzarbeiter des Flächennutzungsplans".
Zwischen dem Patchworkcharakter von Ballungsgebieten und den zunehmenden Patchworkbiografien in den westlichen Industrienationen besteht nicht nur eine strukturelle Ähnlichkeit, sondern auch ein ursächlicher und bedürfnisorientierter Zusammenhang. Ich werde versuchen, diese Zusammenhänge zu skizzieren. Da es sich um eine Gedankenskizze handelt, sind die Sprünge stellenweise etwas grob. Ich bitte, das zu entschuldigen.

Spätestens mit der Industrialisierung begann die - alle modernen Gesellschaften kennzeichnende - physische und organisatorische Fragmentarisierung großer Zusammenhänge, die religiöse Mythen und eine starre Gesellschaftsordnung, die dem Einzelnen seinen Platz wies, bis dahin gestiftet hatten. Unter Anderem Lohnarbeit und Geldwirtschaft auf der organisatorischen und Eisenbahnanlagen und riesige geschloßene Fabrikkomplexe auf der physisch-geografischen Seite, waren Ausdruck dieser Fragmentarisierung.

Sozialismus, fordistische Gesellschaft und unser Wohlfahrtsstaat waren auch Versuche, dem Einzelnen oder der Gruppe die Welt, wenn schon nicht räumlich, so doch in der Zeit - in Gestalt eines Lebensentwurfsangebots - wieder zu einer Einheit zu fügen. Während die lebensentwurfliche Fragmentarisierung der großen Zusammenhänge durch diese Konstruktionen einen gewissen Aufschub erhielt, schritt die räumlich - topografische Fragmentarisierung unaufhörlich voran. Was meistens als Umweltzerstörung angeprangert wird, ist, wertfrei betrachtet, der räumlich-materielle Ausdruck des Zerfalls der Einen Welt. Das Ende des Sozialismus im Ostblock, das Ende der fordistischen Gesellschaft in den USA und das Ende des Wohlfahrtsstaates in den europäischen Industrienationen fallen nicht zufällig in den selben Zeitraum. Die große Täuschung konnte sich nicht länger halten. Jetzt ziehen die Biografien und die lebensweltlichen Einheiten in ihrer Fragmentarisierungl mit den Räumlichen und Topografischen Einheiten gleich.

Ironischerweise setzt dieser Prozeß zu einem Zeitpunkt ein, da, zumindest in den westlichen Industrienationen, der räumlich-topografische Fragmentarisierungsprozeß sich aufgrund veränderter Produktionsbedingungen verlangsamt und stellenweise sogar umkehrt. (Internationale Bauausstellung Emscherpark als Beispiel einer physischen Wiederherstellung räumlich-topografischer Zusammenhänge).
Diese Phasenverschiebung in der Entwicklung der lebensentwurflichen Zusammenhänge einerseits und der räumlich-topografischen Zusammenhänge andererseits ist der Preis, den wir für die Täuschung bezahlen.
Ohne die Phasenverschiebung wäre uns die sogenannte Umweltzerstörung nämlich niemals als die Kehrseite der Entwicklung erschienen, sondern als ihr Spiegelbild. Wir hätten dieses Spiegelbild befragen können. Diese Befragung hätte uns zum einen die Möglichkeit der Korrektur gegeben, zum Anderen wären wir heute mit dem Spiegelbild allemal vertrauter als wir es jetzt mit der Kehrseite.sind. So aber bemühen wir uns um eine physische Wiederherstellung von räumlich-topografischen Zusammenhängen zu einem Zeitpunkt, da unser eigenes Leben immer patchworkartiger wird, anstatt das vor uns ausgebreitete - an seinen markantesten Punkten vollständig entfaltete - Patchwork erstmal nach seinen Qualitäten zu befragen und danach, wie es sich darin leben läßt.

Die physische Wiederherstellung der räumlichen und topographischen Einheit beraubtden Einzelnen auch der Möglichkeit, anhand dieses konkreten und höchst greifbaren Patchworks die Fähigkeit des Fügens durch genaues Hinsehen, Interpretation und erkennen von Zusammenhängen auf bis dahin nicht bedachten Ebenen zu trainieren - eine Fähigkeit, die er mehr und mehr brauchen wird, soll ihm sein eigenes Leben nicht in tausend Stücke zerfallen.

Wichtiger als die physische Herstellung von räumlich-topografischer Einheit - Landschaft - wäre also Anleitung zum Erfassen des Patchworks als Gesamtheit. Daß wir, von der Phase der Produktionsweise, in der wir uns befinden her gesehen, die Möglichkeit haben, dieses Patchwork physisch zu einer Einheit zurückzuführen, heißt nicht, daß wir das auch tun sollten. Durch die genannte Phasenverschiebung zwischen der lebensentwurflichen und der räumlich-topografischen Entwicklung brauchen wir dieses Patchwork gerade jetzt. An ihm können wir sowohl die Fähigkeit des Fügens - und bestimmte Wahrnehmungsweisen, die nötig sind, um dem Chaos Schönheit zu entlocken - trainieren, als uns auch mit besonderen Befindlichkeiten wie Desorientierung und Fremdheit vertraut machen.

Patchworktopografien sind in Zeiten sozialer Deregulierung, abnehmender Vollbeschäftigung, Schrumpfung des sozialen Wohnungsbaus, Wachstum des sozialen Gefälles etc. nicht nur quasi therapeutisch wichtig, sondern sie bieten auch tatsächlich die Räume, in denen Ausgleich ohne Wohlfahrtsstaat möglich ist. Durch die Komplexität patchworkartiger Gebiete werden Teile dieser Gebiete dem sonst allgegenwärtigen Gesetz der Maximierung der Grundrente - zumindest vorübergehend - entzogen. Dadurch wird es hier möglich, auf vergleichsweise einfache Art lebensweltliche Einheiten herzustellen. Häufig sind Diese mit landwirtschaftlicher Subsistenzwirtschaft, Selbstbau an Haus und Hof und der Einrichtung von Nebenerwerbsmöglichkeiten - wie z.B. Autowerkstätten, Hundezucht etc. - verbunden. Bewegt man sich in einem bestimmten Umkreis um Köln herum, so hat man nach kurzer Zeit das Gefühl, den Kulturkreis gewechselt zu haben. Wenn man sich abseits der Ringstraßen und der Ausfallstraßen - die das Kölner Erschließungsraster bilden - bewegt, begegnet man in diesem Umkreis vielfach Lebensweisen, die an solche halbindustrialisierter Schwellenländer erinnern. Was zunächst nach Ghettobildung und asozialen Verhältnissen aussieht entpuppt sich bei näherem Hinsehen oft als frei gewählte Existenz. Hier bieten sich Möglichkeiten selbstbestimmten Lebens, für die stadteinwärts wie stadtauswärts sonst kein Platz ist.. Hiermit meine ich nicht die abgeschmackte Laubenromantik des fordistischen Zeitalters, sondern komplexere und eindrucksvollere Phänomene. Als Beispiele habe ich hierfür die illegale Siedlung am Heckpfad in Köln-Weidenpesch und die ehemalige Obdachlosensiedlung Alter Deutzer Postweg zwischen Köln-Ostheim und Köln-Vingst gewählt :

Die illegale Siedlung am Heckpfad besteht aus knapp 90 Häusern. Diese Häuserwurden sämtlich ohne Baugenehmigung errichtet. Das Land, auf dem sie stehen, ist offiziell als Gartenland deklariert. Die Bewohner zahlen Pacht für das Land. Die Häuser sind ihr Eigentum. Gelegentlich zahlt der eine oder andere ein Bußgeld für illegales Bauen, aber das kommt selten vor und ist außerdem meist schon im Baupreis einkalkuliert gewesen. Die Parzellen sind 200 bis 700 m2 groß, davon 80% zwischen 250 und 350 m2. Im Laufe von 50 Jahren wurden einige Häuser von 30 auf über 300m2 Wohnfläche vergrößert

Die Siedlung am Heckpfad ist den meisten Kölnern - auch Weidenpeschern - unbekannt, obwohl sie eine der größeren Siedlungseinheiten im Kölner Norden darstellt. Sie liegt mitten in einem Landschaftsschutzgebiet, das zugleich Teil einer Kaltluftschneise in die Kölner City ist. Die Siedlung ist umgeben von Friedhof, Güterbahnhof, Schrottplätzen, aufgegebener Kiesgrube und ehemaliger Ford-Deponie. In ihrer näheren Umgebung befinden sich außerdem noch ein Pferdeschutzhof, eine Zigeunersiedlung, diverse "geschützte Landschaftsbestanteile" auf ehemaligen Deponien, die Gleise der Gürtelbahn, die vom Niehler Hafen ins Braunkohlengebiet führt, und mehrere Äcker. Die Siedlung hat ihren Ursprung in der Wohnungsnot des zerstörten Nachkriegsköln, als einige Familien - besonders Kinderreiche und Ostvertriebene - von einem Bauern Land pachteten und sich auf ihren Parzellen provisorische Baracken errichteten. Nach und nach befestigten sie diese Baracken und bauten an. Die Stadtverwaltung duldete dies zunächst, weil es sie von der Aufgabe, diesen Familien Wohnraum zur Verfügung zu stellen, entlastete. Als in den sechzigerjahren der Wiederaufbau des Wohnungsbestandes abgeschloßen war, war die Siedlung so breit gewachsen, daß allein ihre Größe einen Abriß - wie er damals viele vergleichbare Siedlungen ereilte - unrealistisch machte, weil man, selbst jetzt, nicht ohne Weiteres für 400 Bewohner neuen Wohnraum zur Verfügung stellen konnte. Andere Faktoren - wie die komplizierten Eigentumsverhältnisse und häufige Wechsel der Widmungen des Geländes im Flächennutzungsplan - trugen zum Fortbestand der Siedlung bei.

Seit 50 Jahren ist diese Siedlung so etwas wie eine Insel im Wohlfahrtsstaat. Zwar gibt es auch hier Sozialhilfeempfänger und Langzeitarbeitslose, aber hier zu wohnen hat von jedem Bewohner Eigeninitiative und Risikobereitschaft gefordert, da hier jeder - erstens - für sein Haus hundertprozentig verantwortlich ist und - zweitens - nie weiß, ob der Pachtvertrag verlängert wird. Das heißt, hier waren - zumindest, was die Wohnverhältnisse Anging - sowohl der Wohlfahrtsstaat als auch das normalerweise mit Hausbau verbundene Prinzip der Wertsteigerung parallel zur Grundrente außer Kraft gesetzt. Diese Bedingungen zogen einen Menschenschlag an, für den Das, was für den bürgerlichen Mittelstand heute die Bedrohung der Möglichkeit des freien Falls ist, stets eine Selbstverständlichkeit war. Insofern ist diese Siedlung - nachdem sie 50 Jahre lang die Ausnahme von der Regel bildete - heute eines der wenigen lebendigen und - aufgrund ihres Alters auch reifen - Studienobjekte in unseren Breiten für etwas, was irgendwann einmal ein Normalfall sein könnte (Stichwort Amerikanisierung der Verhältnisse)).

Das allgegenwärtige und in allen Masstäben vorhandene Strukturelement der Siedlung Heckpfad und ihrer Umgebung ist das Patchwork. Diese Patchworkstruktur beginnt bei den Biografien der Bewohner, drückt sich aus in der Architektur und setzt sich fort in der näheren und weiteren Umgebung der Siedlung Die ersten Siedler waren Flüchtlinge aus Schlesien, Böhmen und Ostpreußen, die hier ihre gewohnte ländliche Lebensweise mit Arbeit in der Stadt verbinden konnten. Da sie in ihren, in der alten Heimat erlernten Berufen hier zumeist keine Arbeit fanden, fingen sie als Ungelernte an und bastelten sich - im Laufe von Jahrzehnten - eine neue Identität. Dabei gab die Arbeit am eigenen Haus und Garten der neuen Lebenskonstruktion materielle Substanz.

Die Ostflüchtlinge kamen von 1950 bis 1963. Sie stellten Mitte der 60er Jahre ca. 70% der Bewohner am Heckpfad. Dann folgten 10 Jahre, in denen die Siedlung nur sehr langsam wuchs.Um 1975 kam dann eine neue Welle Siedler. Es waren zum großen Teil ehemalige Bewohner ähnlicher Siedlungen, die Ende der 60er Jahre - nach dem erwähnten Wiederaufbau des Wohnungsbestands - abgerißen worden waren. Diese Leute hatten anschließend in den - an Stelle ihrer alten Siedlungen entstandenen - Sozialbauten gewohnt und waren nach einigen Jahren dort wieder ausgezogen. Das Komfortangebot mit Zentralheizung und Einbauküche hatte sie nicht überzeugt. Wie das berühmte gallische Dorf bot die Siedlung Heckpfad die letzte Möglichkeit im ganzen Stadtgebiet zur Rückkehr in die alten Verhältnisse bzw. zur Wiederaufnahme eines Aneignungsprozesses, der ja gewaltsam abgebrochen worden war.

Die dritte Siedlerwelle setzte nach dem Fall der Mauer ein. Dabei waren es weniger Ostdeutsche, die hierher drängten, sondern die nun leeren öffentlichen Kassen verstärkten die Eigeninitiative sozial schwacher Familien auf der Suche nach familiengerechtem Wohnraum. Hierbei erinnerten sich viele, die hier Freunde oder Verwandte hatten, an den Heckpfad und entschieden sich für diese Möglichkeit.

Im Großen läßt sich sagen, daß die ersten Siedler hier ländliche Qualitäten und die Möglichkeit zur Selbstversorgung suchten, während für die zuletzt hinzugezogenen eher die Möglichkeit des Nebenerwerbs in Werkräumen, das gesellige Biertrinken beim Grillen im Garten und den Parkplatz vor der Tür schätzen. Allen gemeinsam ist, daß sie selber bauen und die materielle Substanz, die dieses selber Bauen ihren nicht abgesicherten - häufig widersprüchlichen und ungereimten - Lebenskonstruktionen gibt, höher bewerten als Komfort und Prestige möglicher Alternativen.

Die Siedler haben alle mit kleinen Baracken angefangen und im Laufe der Jahre - wie es die Geldmittel ermöglichten und die wachsenden Familien es erforderten - immer weiter angebaut. Kreditaufnahme zum Bauen im großen Stil war und ist für diese Häuser wegen der besonderen Eigentumsverhältnisse nicht möglich. Damit die neuen Baumaßnahmen möglichst unbemerkt bleiben - und um den Heizaufwand in den kaum isolierten Gebäuden gering zu halten - werden die Häuser möglichst niedrig gebaut. Weil ein entwässertes Flachdach zu aufwendig wäre bekommt das Dach eine - möglichst Flache - Neigung. Diese Dachneigung wird bei den Anbauten weitergeführt - bis zu dem Punkt, an dem sich das größte Familienmitglied an der Regenrinne den Kopf stößt. Dann wird das Dach entweder wieder hochgezogen, so daß eine Wellenlandschaft entsteht - oder es wird an anderer Stelle auf dem Grundstück separat gebaut. Im Laufe der Jahre können auch diese sparaten Teile wieder mit dem Mutterhaus zusammenwachsen. Auf einigen Grundstücken, die mal aus einer 30m2-Hütte und viel Garten zur Selbstversorgung bestanden, hat sich das Verhältnis auf diese Weise umgekehrt. Dort stehen jetzt 300m2 Wohnfläche zur Verfügung und geblieben sind 50m2 Garten, teilweise als steinerner Hof, häufig mit rundem Minipool. Der Wohnungsgrundriß ist aufgrund seiner Entstehungsgeschichte komplex und enthält viele Durchgangsräume. Die Räume sind in ihrer Funktion klar benannt - Küche, Hausarbeit, Kind, Kind, Kind, Essen, Fernsehen, Solarium, Abstell, Werkzeug, Computer, Büro, Bar - und obwohl ihre tatsächliche Nutzung sich häufig ganz anders entwickelt hat, wird an der Benennung und auch an der Einrichtung der Räume für den erdachten Zweck eisern festgehalten, auch wenn Diese die tatsächliche Nutzung stört.

Ein häufig vorkommendes Detail, an dem man unterschiedliche Entstehungszeiten von Gebäudeteilen am Heckpfad ablesen kann, sind Stolperstufen am Boden - weil der Schwund und die Setzungen des neu gegossenen Betonbodens nicht bedacht wurden. Typisch für den Umgang mit solchen Pannen ist hier, daß niemand versucht, sie ursächlich zu beheben - das hieße in diesem Falle, die fehlenden ein bis drei cm aufzugiessen - sondern daß das ganze Arsenal der Baumärkte aufgeboten wird, um die Bruchstelle unsichtbar zu machen.

Insgesamt gibt es am Heckpfad nur wenige Häuser mit guten Raumproportionen. Auch die Fenster sitzen meistens ohne Bezug zur Wandfläche, aus der sie ausgeschnitten sind und sind belichtungstechnisch ungünstig angeordnet.

Der Wert der Siedlung am Heckpfad liegt nicht in den einzelnen Architekturen, sondern in dem komplexen Gesamtbild, das die Siedlung abgibt, in dem hohen Identifikationsgrad der Bewohner mit ihren Häusern und in der Möglichkeit, auch ohne Kapital seine konkrete, physische Umgebung selber zu gestalten.

Die nähere und weitere Umgebung der Siedlung ist ähnlich chaotisch strukturiert. Mittendendrin liegt ein freier Acker, der der Kirche gehört. Weil sich die Kirche nicht auf unseriöse Pachtverträge einläßt, teilt er die Siedlung in einen vorderen und einen hinteren Teil, der "Das Loch" genannt wird. Im Süden der Siedlung ist auf Verkehrsrahmenplänen aus den 50er-Jahren, die - fortgeführt - immernoch bestand haben, die Verlängerung der Äußeren Kanalstraße - einer der 5 linksrheinischen Kölner Ringstraßen - zum Rheinufer - eingezeichnet. Bis vor einigen Jahren hat ein Bergheimer Bauer diese beiden Wiesen bestellt, seitdem liegen sie brach. Die Verkehrsreservefläche dient jetzt im Sommer den "1. kölsche Barbare" aus dem benachbarten Mauenheim als Lagerplatz.

Nördlich an die Siedlung grenzt eine große Kiesgrube. Sie bildet die Fortsetzung einer ehemaligen Lehmgrube, auf deren Grund auch eine Ziegelei gestanden hatte. 1952 kaufte Jean Harzheim aus Weidenpesch die Ziegelei und ihre Ländereien auf. Das Gelände, auf dem die Ziegelei gestanden hatte, teilte er in Parzellen auf. Auf diese Parzellen dehnte sich die Siedlung Heckpfad aus, weshalb ein Großteil der Häuser heute in einer Senke steht. In Verbindung mit der niedrigen Bauweise führte das zu einer regelrechten Camouflage-Architektur, bei der die Teerpappenlandschaft der Dächer gleich dem umgebenden Bodenniveau ist.

Nördlich an die alte Lehmgrube anschließend grub Jean Harzheim weiter - Kies für den neuen Werkstoff Beton. Mit dieser Kiesgrube verdiente er seine erste Million und begründete sein lokales Imperium - man nennt ihn auch den "König von Weidenpesch".
Harzheim war nicht der erste, der hier grub. Außer der bereits erwähnten Ziegelei gab es noch zwei weitere. Die Gruben dieser Ziegeleien wurden um die Zeit, als Jean Harzheim anfing, Kies zu schürfen, mit Hausmüll und Kriegsschutt verfüllt. Eine weitere Grube diente nun als Ford-Deponie. Auf ihr ist heute die Grünabfalldeponie des Friedhofs. Der unter dem Kompost lagernde Industrieabfall von Ford produziert soviel Methangas, daß es gelegentlich abgefackelt wird, um Explosionen vorzubeugen.
Im Vergleich der Luftbilder von 1956 und 1970 erkennt man das Vexierspiel zwischen ursprünglichem, abgegrabenem und verfülltem Boden, das hier stattgefunden hat:

Eine Widwiese, die heute an afrikanische Savanne erinnert, war bis 1963 eine von Ackerland umgebene - zuletzt als Deponie genutzte - alte Lehmgrube. Als die Deponie bereits geschloßen und oberflächlich bewachsen war, war das umgebende Ackerland mittlerweile zum größten Teil Kiesgrube. Als Jean Harzheim der Wiese mit seinen Baggern zu nahe kam, stieß er auf Müll statt auf Kies. So hat eine regelrechte Umkehrung stattgefunden und man kann im wahrsten Sinne des Wortes behaupten, daß rings um die Siedlung Heckpfad - angefangen bei dem Grund, auf dem sie selber steht - kein Stein auf dem anderen geblieben ist.

Weitere Gruben befanden sich weiter nördlich an der Etzelstraße. Auf ihren Verfüllungen stehen heute eine Sintisiedlung und ein Pferdeschutzhof. Bis vor einigen Jahren gab es hier auch einen Sportplatz, der mittlerweile von den Sinti als Müllabladeplatz benutzt wird.
Überquert man den Ginsterpfad in Richtung Neusserstraße, so führt der kürzeste Weg zur Neusserstraße abermals über eine dichtbewachsene, kleinräumige Mikrolandschaft, auch dies eine alte Lehmgrube, die dann von Ford als Deponie genutzt wurde. Jenseits der Neusserstraße setzt sich Das so fort, und auch entlang der Neusserstraße nach Süden bietet sich ein alles andere als geschloßener Straßenraum.

Insgesamt ist Köln-Weidenpesch eine besonders offene Struktur in dieser an offenen Strukturen reichen Stadt. Das liegt - außer an seinem vielfach von Gruben und alten Rheinarmen zerklüfteten Grund - daran, daß es für Köln-Weidenpesch bis heute keinen Bebauungsplan gibt, wovon besonders der größte Grundeigentümer, Heinz Harzheim, profitiert, der für die Aufrechterhaltung dieses Zustandes seine Beziehungen spielen läßt.

Kurt Schumacher 1923 : "Innerhalb des jetzigen Kölner Stadtgebietes hat das Vorkommen von ziegelbarem Ton und von baufähigem Kies Erscheinungen hervorgerufen, die für den Bebauungsplan vielfach richtunggebend werden; leider meist in sehr unliebsamer Weise. Die Karte gibt eine gewiße vorstellung davon, wie der Boden des künftigen Köln durch solche Ton- und Kiesgruben zerklüftet ist. Man wähnt gefühlsmäßig, es mit einem ebenen Boden zu tun zu haben und trifft statt dessen an zahllosen Stellen auf eine Art Hügelland, dessen Ausdehnung vielfach zu groß ist, um die Klüfte auszugleichen und zu klein, um sie wie natürliche Faltungen und Launen des Bodens in den Fluß städtebaulicher Bewältigung zu bringen. Die Gelegenheit, diesen Gruben eigene Reize abzugewinnen, wie es im Klettenbergpark oder im Fühlingersee geschehen ist, ist selten, auch sind sie viel zu zahlreich für solche Behandlung. Wo sie nicht durch Schuttablagerung aufgefüllt werden und so wieder ein heimtückisches Bauland abgeben, bleibt einem meist nichts anderes übrig, als diese Wunden zu umgehen. Denn um verwundetes Erdreich handelt es sich. Im blinden Streben, den einen Wachstumsring der Großstadt möglichst bequem aufzuführen, macht man den Boden ihres nächsten Wachstumsringes achtlos zum Krüppel."

Mit einem solchen Krüppel haben wir es hier zu tun.

Die andere Siedlung, über die ich hier sprechen will, ist die ehemalige Obdachlosensiedlung Alter Deutzer Postweg.
Obdachlosensiedlung heißt, daß hier Leute einquartiert wurden, die ihre Miete nicht bezahlen konnten und gekündigt wurden. Häufig waren sie - als Bewohner städtischer Sozialwohnungen - schon vorher Kunden der Stadt Köln. Hier zahlten sie keine Miete, sondern ein Nutzungsentgelt. Die Siedlung Deutzer Postweg liegt in dem anderen großen "Krüppel" des Kölner Stadtgebiets, einem ca. 2 km breiten und 4 1/2 km langen "Keil" entlang der ehemaligen Grenze zwischen den Städten Köln und Porz - der bis 2km Luftlinie an den Dom heranreicht. Dieser Keil ist noch dünner besiedelt als die Gegend um den Heckpfad. Die offene Struktur besteht hier weniger aus dem kleinteiligen und komplexen Wechsel von bebauter und unbebauter Fläche, sondern aus einem extrem heterogenen Nebeneinander unterschiedlichster Freiflächen, eingeschloßen einen der letzten Reste ursprünglichen Hochwaldes der Region, den größten Baggersee der Stadt, die größte Wildwiese - natürlich auch auf ehemaliger Deponie - einige von Angelvereinen unglaublich liebevoll rekultivierte kleinere Kiesgruben, an deren Ufern man Werbefotos für Kanadareisen schießen könnte, einen großen, mit Straßenbeleuchtung und Schilfteich fertig angelegten Gewerbepark, der seit 4 Jahren der Ansiedlung von Investoren harrt, ein fantastisch marodes Betonfertigteilwerk, der "Millionenacker", u.s.w.. Inmitten dieser Wildnis liegt die Siedlung Alter Deutzer Postweg. Sie ist ringförmig umschloßen von Kleingartenanlagen - zu denen keine Verbindung besteht - und Wald. Erschloßen wird sie durch eine einzige Straße, die als Sackgasse vom Alten Deutzer Postweg abgeht.

Die Siedlung war ursprünglich im dritten Reich zur Ansiedlung von Militär gebaut worden. Die Stadt Köln übernahm die Gebäude, um dort Obdachlose einzuquartieren. Nun war Obdachlosigkeit - kurz nach dem Krieg - kein soziales Stigma und es gab zahlreiche Obdachlosensiedlungen, häufig in provisorisch umgebauten Bunkern, Bahndammgewölben etc. Mit der Zeit verkamen diese Siedlungen jedoch. Am Deutzer Postweg wurden bald die harten Fälle einquartiert, das hieß kinderreiche Familien mit arbeitslosen, trinkenden Eltern und alleinstehende, ebenfalls arbeitslose, trinkende Männer. Die Siedlung liegt so isoliert wie ein sibirisches Dorf, das für irgendein Sägewerk mitten im Wald errichtet wurde. Zu den umliegenden Schrebergärten besteht wie gesagt kein Kontakt und zum alten Deutzer Postweg hin leistet ein Waldstück vollkommen Sichtschutz. Zweimal täglich, in den Morgenstunden, kommt der Bus, der den immernoch zahlreichen Kindern der Siedlung als Schulbus dient. Ansonsten führt ihr Schulweg durch den Wald nach Köln-Ostheim.

Vor 10 Jahren wurde die Siedlung saniert. Aus den ungedämmten, unverputzten Backsteinbaracken, in denen es nur Gemeinschaftsküchen, von durchgängigen Fluren abgehende Schlafräume und keine Bäder gegeben hatte, wurden wärmegedämmte Einfamilienreihenhäuschen mit eigenem Bad und Garten. Die Belegungspolitik änderte sich dahingehend, daß die Hälfte der Wohnungen mit - zwar sozial schwachen, aber halbwegs intakten - Familien belegt wurde. Außerdem wurde ein gut ausgestatteter Kindergarten gebaut. Die würfelförmigen Kästen am Ende jeder Zeile, in denen sich vorher die - ungeheizten - Bäder befanden, wurden zu Kellerersatzräumen für die Kellerlosen Wohnhäuser. In ihnen lagern die meisten Bewohner heute ihr Heizholz.

Die Siedlung Alter Deutzer Postweg ist immernoch extrem mit sozialem Stigma behaftet. Ein Vingster erzählte mir mal, daß er, wenn er seinen Onkel in einem der umgebenden Gärten besuchte, striktes Verbot hatte, die Siedlung - die mit ihren vielen Kindern zum Spielen natürlich verlockend war - zu betreten. Dieses Verbot wurde mit der Warnung ausgesprochen, daß er sich da "die Seuche holen" würde. Bis heute hat er die Siedlung nicht betreten. Dabei herrscht hier mittlerweile eine Lebenssqualität, die - so stadtnah und zu diesem Preis - nicht ihresgleichen hat. Die isolierte Lage und die lange Geschichte der Siedlung - sowie der Kontrast zwischen ihrem Image und ihren tatsächlichen Qualitäten - haben die Bewohner zu einer echten Solidargemeinschaft geformt. Im Sommer stehen die Türen aller Wohnhäuser offen und die gemeinsamen Freiflächen zwischen den Eingangsseiten werden ebenso intensiv genutzt wie die rückwärtigen Privatgärten. Erstaunlicherweise ist es auch nicht zu einer Abgrenzung der nach der Sanierung eingezogenen Familien zu den alteingesessenen Alkis gekommen. Durch die vielen Kinder, die die Siedlung in ihrer ganzen räumlichen Durchlässigkeit benutzen - jedes Haus ist sowohl von der Vorderseite als auch durch den Garten betretbar, intime Zonen werden eher durch das Aufstellen von Pavillons als durch das Errichten von Mauern und Zäunen markiert - wurde ein solcher Prozeß wahrscheinlich von Anfang an verhindert. Die ghettoartige Lage - ein typisches Merkmal von Wohnsiedlungen in extrem heterogenen Stadtrandgebieten - hat hier, ähnlich wie am Heckpfad, zur Bildung eines sozialen und architektonisch-räumlichen Gefüges geführt, das sich - relativ frei von den sonst bestimmenden Zwängen der Maximierung der Grundrente und der damit verbundenen Nivellierung sozialer Unterschiede durch Verdrängung - entwickeln konnte. Für die Bewohner dieser - in einem erweiterten Sinne "rechtsfreien" - Zonen ist dies mit ständigen Lern -und Kommunikationsprozessen verbunden.

"Lärmschutzwäldchen, ehemalige Deponien, Bauerwartungsland, Kiesgruben, aufgegebene Gärten, Verkehrsreserveflächen, aufgegebene Industriestandorte, die fließenden Grünräume in 50er-Jahre-Siedlungen, nicht vollaufende Gewerbeparks, illegale und andere - im Sichtschatten stadtplanerischer Beachtung stehende - Siedlungsgebilde, das alles sind die - in unseren Breiten letzten verbliebenen - physischen und sozialen Experimentierfelder.
Statt die - in unseren Ballungsgebieten riesigen - Areale zwischen den allseits beliebten Kernstädten und den etablierten Ausflugsgebieten nur als Funktionsraum - in dem sich Baumarkt, Aqualand und Schlafstadt befinden - wahrzunehmen, sollten wir sie als Bedeutungsraum gewinnen.

Frühpensionierung, Mehrfachkarrieren, Gelegenheitsarbeit, Freelancing, Teilzeitarbeit, Time-Out-Arbeitsverträge, Non-Profit-Jobs, Fexibilität am Arbeitsplatz - das alles sind Schlagwörter für einen derzeit stattfindenden Prozeß der Anpassung des Umgangs mit eigener Lebenszeit an veränderte Bedingungen - ein Prozeß, der Bewußtmachung, Umdeutung und Kreativität erfordert. Innerhalb dieses Prozeßes erlangen besonders die bisher gesellschaftlich geächteten - oder zumindest ignorierten - Abschnitte von Lebenszeit neue Bedeutungen (diejenigen, die man bisher im Lebenslauf besser nicht erwähnte).

In unserem Umgang mit eigenem Raum - die beschriebenen Räume sind unsere nächsten Umgebungen - hinken wir dieser Entwicklung weit hinterher. Das hat mehrere Gründe, von denen ich auf zwei näher eingehen will:
Erstens hat die Entwicklung des schnellen Verkehrs Raumsprünge ermöglicht - (wohingegen Zeitsprünge noch nicht möglich sind). Statt ihn sich anzueignen, wird der eigene Raum meist übersprungen!
Der zweite, mir wichtig erscheinende Grund, ist der, daß es in allen Zeiten der modernen Gesellschaft Leute gab, die die Bedeutung gesellschaftlich ignorierter Zeitnutzungen hochhielten - ja, seine Zeit in möglichst geringem Umfang wirtschaftlicher Verwertbarkeit - verstanden als die einzige auch gesellschaftlich anerkannte Verwertbarkeit - zur Verfügung zu stellen, galt in diesen Kreisen als Adelsprädikat. Die Bedeutungen, die diese "Hüter" über die Zeit gerettet haben, stehen nun als Quellen für einen neuen Gesellschaftsentwurf von der Lebenszeit zur Verfügung. Die selben Hüter waren die Wiederentdecker der innerstädtischen Gründerzeitviertel einerseits und strukturschwacher, ruraler Landschaften wie der Toskana und des Tessin andererseits. Die Möglichkeit des Raumsprunges ließ ihr kritisches Bewußtsein dabei ganze Nahumgebungen ignorieren. In den drei Jahren, in denen ich in Architekturbüros in Berlin und Köln gearbeitet habe, war ich stets verblüfft, in welch Oberstufenpennälerhafter Weise auch solche Kollegen, die alles andere als einfältig waren, über die Randgebiete ihrer eigenen Stadt sprachen, die sie offenbar kaum oder gar nicht kannten.

"Deregulierte Verhältnisse brauchen deregulierte Geografie" - "deregulierte Geografie" ist hier in einem doppelten Sinne zu verstehen:

1. Deregulierte Geografie im Sinne deregulierter Topografie - das heißt ungestalteter, meistens extrem heterogener und komplexer, häufig von Ausbeutung gekennzeichneter Landschaften - die Zonen enthalten, die
a) als Realisierungs- und/oder Projektionsräume für gesellschaftliche und architektonisch-räumliche Experimente und Utopien dienen können
b)widersprüchlichen und fragmentarischen Biografien materielle Substanz verleihen
c)ein landschaftliches Pendant zum Patchworkcharakter moderner Biografien bilden

2. "deregulierte Geografie" im Sinne eines informellen Umgangs mit topografischen Erscheinungen aller Art zum Zweck ihrer geistigen Aneignung und Urbarmachung.

Die Wissenschaften der Geografie als Lehre von der Erfassung topografischer Erscheinungen und die Urbanistik und Landschaftsplanung als Lehren von der physischen Gestaltung topografischer Erscheinungen müßten ergänzt werden durch beweglichere und stärker in Wechselwirkung tretende Praktiken der Aneignung. (KUNST?)

Ich für meinen Teil bin dabei auf die Variante des organisierten Vorstadttourismus gestoßen, den ich zusammensetze aus den Elementen Raumfolge - durch eine Wegführung, die die einzelnen Räume in ihrer Abfolge bedeutungsvoll werden läßt, Begegnung - mit alltäglichen Nutzern und Bewohnern der durchquerten Gebiete und eigene Aktion - Schwimmen, Feuermachen, Nachtlager aufbauen etc. Ich versuche dabei, in den Teilnehmern einen Prozeß in Gang zu setzen, den ich für die notwendige Ergänzung - im Umgang mit eigenem Lebensraum - zu den bereits stattfindenden Veränderungen - im Umgang mit eigener Lebenszeit - halte.