Aus dem Elektrozaun ...
Aus dem Elektrozaun sind Schafe ausgebrochen und haben sich über den Parkplatz
von IBM verteilt. Segelflieger vom benachbarten Segelflugplatz versuchen, die
Handynummer des Schäfers ausfindig zu machen. Der Schäfer kann nicht weit entfernt
sein, weil der Elektrozaun sehr lässig aufgestellt war. Die Schafe haben in ihm
mehrere auffällige Kreise getreten, die man für Spuren von Ufolandungen halten
könnte. Die Segelflieger von nebenan würden einen aufklären. Wenn man sie anspricht.
Der Schäfer kann nicht weit entfernt sein, denn der Zaun war nur lässig aufgestellt.
Er steht auf Friedhofserweiterungsgelände. Weiter südlich auf dem Gelände gibt
es Krater. Dort ist etwas abgeladen worden. Entweder Pflanzenmüll vom Friedhof
oder Schutt vom Krieg. In den Kratern haben sich Jugendliche ihre Privatwohnungen
gebaut. Immer, wenn ich dort vorbeikomme, ist aber keiner da. Direkt daneben ist
der Friedhof, dann kommt erstmal Siedlung und dann kommen Gärtnereien, aber da
muß man auch mal genauer nachsehen, was da ist. Nach den Gärtnereien überquert
man ein Sportgelände und kommt dann an eine ehemalige Kiesgrube, die ausgetrocknet
und bis auf den Boden, der früher den Grund des Sees bildete, bewachsen ist. Nur
stellenweise ist die Grube wieder verfüllt worden, so daß verschiedene Niveaus
und verschiedene Böden vorhanden sind. Auf diesen Niveaus und Böden haben sich
Pflanzen verschieden gruppiert und bilden Räume, Raumfolgen und undurchdringliche
Wände. Es ist eine komplexe Architektur, deren Rekonstruktion schwierig wäre.
Obwohl mein Weg hindurch, der kürzeste und am besten ausgetretene, immer der selbe
ist, deuten sich rechts und links davon zig andere an, zumindest habe ich den
Eindruck, daß es eine fast unendlich grosse Zahl an Wegen durch dieses Gelände
geben muß, die ich wahrscheinlich niemals alle kennen werde und wenn, würde es
Wochen dauern, sie zu erforschen. Ich steige aus der Grube empor.
Der Schäfer kennt diese Orte wahrscheinlich alle. Für mich sind sie Entdeckungen.
Ich kann nicht sagen, ob sie dem Schäfer auch etwas bedeuten. Wahrscheinlich schon,
aber er würde niemals darüber sprechen. Die Kinder aus der Umgebung kennen die
Grube wahrscheinlich wie ihre Westentasche und haben Verbot, dort zu spielen.
Nur die Artigsten halten sich an dieses Verbot. Überall stosse ich auf ihre Spuren.
Ich überlege, ob ich umkehren und noch einmal in anderer Richtung in die Grube
hineingehen soll. Oft denke ich, den vollkommenen Weg gewählt zu haben, um beim
nächsten mal festzustellen, daß ich zu den schönsten Stellen garnicht vorgedrungen
bin. Ich beschliesse, eine Ausnahme zu machen und gehe nochmal in die Grube hinein.
Nach Einbruch der Dunkelheit oder besser, wenn es dunkel ist, wäre es gut, im
nächstbesten erleuchteten Haus einkehren zu können.
Im Norden der Stadt ist es rauher als im Osten, weil der Osten von Wäldern gefaßt
ist. Der Norden und auch der Westen haben diese Rückendeckung nicht. Hier zieht
es. Ich habe eine Schwäche für Stellen, an denen es zieht. Wenn dort Menschen
auftauchen, kann man sie sehr deutlich erkennen. Auch im Osten gibt es Stellen,
an denen es zieht, aber man weiß immer, daß irgendwann der Wald kommt.
An Stellen, an denen es zieht stehen oft Kioske. Das gilt nicht für die Innenstadt.
Für den Norden und Westen sind die Binnenräume existentiell, weil hier, noch weiter
draussen, immer der Acker droht. Der Acker, die ausgeräumte Ackerlandschaft, ist
das Ende räumlichen Erlebens, weil sie nur aus Fläche besteht. Um einen Raum aus
ihr zu bilden müßte man den Himmel als Begrenzung nehmen, dann wird der Raum aber
sehr bedrohlich, weil er keinen Ausweg offenläßt. Diesen Raum versuche ich, zu
vermeiden. Er ist so unerbittlich, wie die grossen Wiesen des äusseren Grüngürtels,
die rundum von dichten Baumkanten begrenzt werden.
Auf meiner Karte sehe ich eine kleine, weißgelassene, dreieckige Topographie.
"Heute Vormittag waren wir auf dem Ponyhof und nachher gehen wir noch Bowlingspielen",
sagt das Mädchen auf der Kartrennbahn am Ostermontag.
In Poll gibt es einen Mann, der dem Schlachthof in Hagen Pferde abkauft und sie
bei sich ihr Gnadenbrot fristen läßt. Er hat sie auf ein Stück Wiese gestellt,
das er gepachtet hat und von seiner Sozialhilfe bezahlt. Ausserdem grasen dort
noch ein Ziegenbock, Ponys, und Hunde gibt es natürlich mehrere. Der Mann war
früher selber Metzger. Die Hunde wohnen in alten Wohnwagen. Der Mann verbringt
seine Tage auf dem Gelände, schläft aber in Kalk. Obwohl der Mann aussieht, als
würde er sich nie waschen, nur aus Dosen essen und seinen Flüssigkeitsbedarf mit
alkoholischen Getränken decken, sind auf seinem Gelände, bei jedem Wetter, jedenfalls,
wann immer ich dort war, Mädchen aus der bürgerlichen Nachbarschaft, in dem Alter,
in dem sich Mädchen für Pferde begeistern. Der Mann ist seit dreieinhalb Jahren
auf dem Gelände. Vorher hat er das Selbe, einen Schutzhof, wie er es nennt, zwei
Steinwürfe weiter betrieben. Diesen mußte er aufgeben, weil Tierschutzgruppen
ihn mehrfach zusammengeschlagen und seine Hütte angezündet hatten. Der Mann vermutet,
daß das Tierheim, dem er ein Dorn im Auge war, Gerüchte gestreut hat, er würde
mit Tieren für Versuchslabore handeln. Das ist jedenfalls, was der Mann mir erzählt
und ich habe keinen Grund, ihm nicht zu glauben.
Auf einer Ponyranch leben ein Mann und eine Frau und ihre Kinder in Blockhütten
wie aus Westernfilmen. Sie haben auch einen Salloon, der von aussen aussieht wie
ein Saloon und innen, wegen seiner schmalen Länge und seiner Ausstattung, an ausgebaute
Eisenbahnwaggons erinnert. Sie sind sehr wortkarg und wollen offenbar in Ruhe
gelassen werden.
Auf einem Stück gemähter Wiese vor einem Fort der preussischen Befestigungsanlage
proben die Hunnen eine Aufführung.
Im Norden, unter der Mühlheimer Brücke, hat ein Obdachloser seine Dreizimmerwohnung
gebaut. In Abständen von drei bis fünf Metern befinden sich Feuerstelle und Brennholzstapel
neben dem Hundezelt, neben Tisch mit Stühlen und Geschirregal, und an der anderen
Wand Fahrrad mit Hänger neben Sofa mit Bücherbord neben dem Zelt des Obdachlosen.
Die Brücke hat drei Auflager an dem einen Ufer, so daß zwei Durchgänge entstehen.
Der Mann hat sich den Hinteren, den die Spaziergänger nicht benutzen, gewählt.
Am Rande eines Baggersees, dessen Grundwasser so stark abgesunken ist, daß die
zwei Schwäne, die darauf schwimmen, aufpassen müssen, nicht auf Kiesel aufzulaufen,
steht eine Siedlung. Extrem flach geneigte Dächer auf sehr niedrigen Mauern bilden
Häuser, für die nie ein Bauantrag gestellt wurde. Diese Siedlung ist entstanden
in den letzten fünfzig Jahren und wird bewohnt von kinderreichen Familien mit
keinem oder sehr geringem Einkommen. In der Wohnungsnot nach dem Krieg, begannen
sie, für die es in der Stadt keinen oder nur zu kleinen Wohnraum gab, einem Bauern
Land abzupachten, um darauf ihre Hütten zu errichten. Später kaufte ein Bauunternehmer
das Land und machte aus dem Großteil eine Kiesgrube. Der Bauunternehmer übernahm
auch die Pachtverträge, setzte sie fort und schloß neue ab, so daß sich die Siedlung
im Laufe der Zeit auf einige zig dieser sehr niedrigen Häuser vergrösserte, die
deshalb so niedrig sind, weil bis zu einer bestimmten Bauhöhe kein Bauantrag gestellt
werden muß. Die städtischen Behörden ignorieren die Siedlung und die Einwohner
regeln die meisten Angelegenheiten selber. Sie fluchen im Winter über die Kälte
in den schlecht zu heizenden Häusern, aber keiner von ihnen würde tauschen, weil
das Leben dort im Sommer ein Paradies ist. Die Erwachsenen benutzen den See kaum,
aber die Kinder lernen in ihm schwimmen. Die nächste Umgebung ist wie ein fast
vollständiger Katalog verschiedenster Arten von Grün-und Brachflächen : Acker,
Kiesgrube, verfüllte Kiesgrube, Friedhof, Laubenkolonie, Wäldchen, Bahndamm, Verschiebebahnhof
stehen zur Verfügung. Für 400 m2 gepachtetes Land, auf dem sich das niedrige Haus,
eine Garage, ein Garten und ein extra Häuschen für den 16-jährigen Sohn befinden,
zahlt der Vater 600 mark Pacht monatlich. Das niedrige Haus, das er selbst gebaut
hat, ist sein Eigentum, das Land auf dem es steht gehört dem Bauunternehmer, der
Pachtvertrag stammt aus der Zeit, als das Land noch dem Bauern gehörte. Der stadtbekannte
Bauunternehmer hat seinerzeit, nachdem er in Besitz des Landes gekommen war, den
Pachtzins angeblich verzehnfacht.
"Dom und Natur
Ein Ort der Kraft, Stille und Schönheit
Eine Ausstellung von Bildern und Kunstkarten
von Ursula M. Labaye
Kompositionen aus Zeichnungen und Collagen
Farbdrucke, weiß gerahmt
Dom und Natur sind Oasen für Kraft und Stille. In meinen Bildern verbindet sich
beides zu farbenfrohen Variationen, in denen der Kölner Dom, frei von Ort und
Zeit, durch verschiedene Landschaften und Jahreszeiten reist."
Ich bin unterwegs in der Innenstadt und versuche, zu denken oder eher, zu Halluzinieren,
so wie wenn man sich, wenn es dunkel ist, an den Tag erinnert, sofern die Ereignisse
dieses Tages weit auseinanderlagen und der Tag dadurch nur eine geringe Dichte
an Ereignissen hat, die sich abheben, allerdings einen sehr dichten Grund. Vielleicht
ist das überhaupt eine ganz zutreffende Beschreibung der Art von Dichte in Peripherien.
Ein vergleichsweise dichter Hintergrund oder eine dichte Flüssigkeit, ein dichtes
Medium, in dem sich Ereignisse -geografische, menschliche- in so grossen Abständen
zueinander befinden, daß zum einen das dazwischenliegende Medium wichtig wird
und zum anderen auch die Ereignisse selbst nicht durch hohe Dichte nivelliert
werden (allerdings könnte man sagen, daß diese Nivellierte Ebene dann selber ein
dichter Grund wäre). Eine geringe Dichte von Ereignissen setzt das Erinnerungsvermögen
und Projektionsvermögen in Gang. Die Bewegung auf dem dichten, von kleinen Unebenheiten
geprägten Grund ist anstrengend, weshalb man am Ende solcher Tage Erschöpfung
spürt und doch läuft das Gehirn weiter, immer auf dem Niveau, das die Erschöpfung
noch zuläßt, als hätte es ein Vakuum zu füllen,fliessen die Gedanken,auch wenn
noch so spärlich, immer weiter, bis der Gefälleausgleich vollkommen ist und im
Gehirn die selbe Leere herrscht wie ausserhalb.
Eigenartigerweise bedarf es nur kleiner Anregungen, um aus dieser Leere eine Fülle
zu machen, die immer wieder überraschend eintritt und, sofern man die Zeit und
Konzentration aufbringt, sie zu verdichten oder aus ihr zu extrahieren, verändern
die Ergebnisse das Sehen und Denken. Die Anregungen kommen beim Wiedereintritt
aus ungestalteter in gestaltete Umgebung . Es beginnt mit einem körperlichen Gefühl,
das man versucht, sich zu erklären. Es bleibt immer ein Rest zwischen der Erklärung
und dem körperlichen Gefühl auf seiten des Gefühls. Man fertigt quasi eine Arbeitskopie
des geklärten Teils, legt diese zu den Akten, mit denen sich argumentieren und
weiterdenken läßt und läßt alles andere wieder in den grossen Topf sinken, in
der Hoffnung, daß es sich, in einer anderen Konstellation, womöglich in einer
umfassenderen Konstellation, da eines Tages wieder herausschälen wird. Von diesem
Herausgeschälten kann man dann wieder eine Arbeitskopie machen, diese zu den Akten
legen, mit denen sich argumentieren und weiterdenken läßt, das Material komplett
wieder in den grossen Topf sinken lassen und so weiter. Daß die Rückkehr aus geistesabwesenden
Räumen, nach längerem Aufenthalt in Diesen, klärende Wirkung hat, liegt wohl daran,
daß man, aus geistesabwesenden Räumen kommend, überhaupt erst in der Lage ist,
Bedingungen von Kultur zu erkennen.
Aus dem Elektrozaun sind Schafe ausgebrochen und haben sich auf dem Parkplatz
von IBM verteilt. Segelflieger des benachbarten Segelflugplatzes versuchen, die
Handynummer des Schäfers ausfindig zu machen. Die Schafe haben in dem Zaun mehrere
auffällige Kreise getreten. Vielleicht wird irgendjemand sie für Spuren von Ufolandungen
halten. Die Segelflieger werden ihn aufklären. Wenn er sie anspricht. Der Schäfer
kann nicht weit entfernt sein, denn der Elektrozaun war sehr lässig aufgestellt.
Weiter im Süden gibt es Krater. Etwas ist hier abgeladen worden, entweder Pflanzenmüll
vom benachbarten Friedhof oder Kriegsschutt. Nach dem Friedhof kommt erstmal Siedlung
und dann ein paar Gärtnereien, die halben Betrieb fahren, weil die Umlegung der
Venloerstrasse, mit der weiter oben schon begonnen wurde, bald ihre Ländereien
erreichen wird. Die durch Kahlschlag schon erkennbare Schneise ist wie eine Prachtstrasse
aus Brache, die man jetzt bis Bocklemünd entlanggehen kann. Auf dieser Schneise
stehen noch Reste von Pflanzungen der Gärtnereien. Das, in Verbindung mit der
Perspektive der Schneise, gibt der Szenerie eine Note, die mir neu ist und ich
mache ein Foto, um es nicht zu vergessen.
Geht man quer zu den gewöhnlichen Linien, wird das Stadterlebnis entweder abenteuerlich
oder einfach sehr abwechslungsreich, manchmal idyllisch, wenn es aus vielen kleinen
Brüchen besteht, manchmal krass, jedenfall findet eine atmosphärische Verdichtung
statt, die für mich spannender ist als die rein räumliche. Hält man sich auf den
Hauptverkehrsstrassen, so bleibt die atmosphärische Verdichtung aus, die Brüche
sind zu sehr immer die gleichen, sie sind zu undifferenziert, mit anderen Worten:
die Struktur ist nicht komplex genug, einen Ersatz für gebaute Bilder zu bieten.
Hingegen ist eine wirklich komplexe Struktur als Lebenswelt wertvoller als ein
gebautes Bild, weil sie keine Interpretationen vorschlägt, anbietet oder gar aufdrängt,
sondern ausschliesslich durch Erlebnisse, Geschichten und Assoziationen zu einem
bedeutenden Raum wird. Dieser Prozeß der Schaffung von bedeutsamen Räumen geschieht
nur durch, meistens wiederholten oder andauernden, Aufenthalt in diesen Räumen.
Es ist eine sehr ökonomische Art der Stadtgestaltung, da sie nur denjenigen befriedigen
muß, der von ihr betroffen ist und der sie selber vollzieht. Künstler und Fotografen,
in den letzten 20 Jahren besonders Fotografen, versuchen diese Art der Gestaltung,
die eine Gestaltung im Kopf ist, auch bildlich zu fassen und für Andere sichtbar
zu machen. Es ist eine heikle Aufgabe, diese Art der Gestaltung in dinglichen
Produkten wie Fotografien festzuhalten. Es ist eine lohnenswerte Aufgabe, denn
Bilder schaffen Klischees, die wiederum Auslöser von neuen Erinnerungsfeldern
sein können. Somit tragen die geklauten Bilder zur Verdichtung im Kopf bei, die
sie dann wiederum versuchen abzubilden, und so weiter. Andere Aspekte von Gestaltung
im Kopf erfahre ich durch Aufenthalt an diesen Orten und durch das Studium ihrer
Geschichte, das aus Gesprächen, Kartenstudium und Lesen besteht. Was das Kartenstudium
und das Lesen betrifft, habe ich zwei Ebenen erschlossen, die die meisten derjenigen,
die diese Arbeit alltäglich leisten, nicht benutzen. Durch Notizen wie Diese,
das eigene Fotografieren, das systematische Suchen nach Zeugnissen ähnlicher Beschäftigungen
Anderer und so weiter wird für mich auch das befruchtende Wechselspiel zwischen
Klischee und Wirklichkeit wichtiger. Ich betrachte dies als einen Vorsprung, den
ich weiterzugeben versuche. Ich versuche, einen Prozeß, den jeder in seinem Nahbereich
alltäglich vollzieht, auszudehnen auf ein Gebilde von landschaftlicher Grössenordnung.
Der alte Deutzer Postweg, einst eine wichtige Landstrasse vom Königsforst nach
Deutz und Mülheim, ist verkehrsmässig längst von Autobahnen und Schnellstrassen
abgelöst worden. Heute führt er, beinahe unbefahren, durch eine der atmosphärisch
dichtesten suburbanen Landschaften Kölns. Wie Perlen an einer doppelreihigen Kette
reihen sich an ihm landschaftliche Kleinode und bewohnte Enklaven auf. Auf einer
Strecke von knapp vier Kilometern grenzen an ihn 5 Baggerseen, ausserdem drei
schon wieder verfüllte. Auf dem einen, schon länger verfüllten, arbeitet heute
eine Teeraufbereitungsfirma, der zweite ist erst seit Kurzem verfüllt und das
auch nur bis kurz über das Grundwasserniveau, so daß die dünne Erdschicht obenauf
ständig naß ist und kaum etwas darauf wächst. Der dritte von den verfüllten Seen
ist schon seit 25 Jahren wieder verfüllt. Er war der größte von den Dreien und
wurde, als die Auskiesung beendet war, von der KHD, der Klöckner Humboldt Deutz
Gesellschaft zum abladen, hauptsächlich von Schlacke, benutzt. Später forderte
man von der KHD, eine 2 bis 3 Meter hohe wasserführende Schicht auf die alte Deckschicht
aufzubringen, um das Eindringen der in der Schlacke enthaltenen Schadstoffe ins
Grundwasser zu verhindern. Die KHD weigerte sich jedoch und so geschah nichts.
Weiter vorne, stadteinwärts gesehen, steht eine Siedlung aus 8 kurzen Zeilen von
Reihenhäuschen. Sie waren ursprünglich von den Belgiern,die gleich nebenan ihren
Schießplatz hatten, als Kasernen gebaut worden. Die Belgier entschieden sich dann
für einen anderen Standort und die Stadt Köln übernahm die Gebäude und siedelte
dort Obdachlose an. Viele von Ihnen hatten acht bis zwölf Kinder und es muß unglaublich
eng gewesen sein. Ca. 1989 wurden die Häuser saniert und nach und nach die Überbelegung
abgebaut. Eine Frau, die mit ihrer Familie vorher in einem Hochhaus in Vingst
gewohnt hatte, wo sie sich sehr unwohl fühlte, hat dort solange die Miete nicht
gezahlt, bis sie gekündigt wurde, weil sie, als nun obdachlose Familie, auf ein
Häuschen mit Garten am Deutzer Postweg hoffte, was dann auch geklappt hat. Die
Siedlung ist zu drei Seiten hermetisch umschlossen von Schrebergärten, zur vierten
von einem Wald. Durch diesen Wald führt der alte Deutzer Postweg. Die Kinder gehen
durch den Wald zur Schule in Ostheim. Der Hauptbezugspunkt ist Ostheim, obwohl
das Zentrum von Vingst genauso nah wäre. Aber in Ostheim gibt es eine grosse Einfamilienhaussiedlung,
die in Richtung der Obdachlosensiedlung ragt, so daß in Richtung Ostheim schneller
bewohntes Gebiet erreicht ist.
Die Siedlung für kinderreiche Familien am Deutzer Postweg wird von den anderen
Leuten in der Umgebung Maumau-Siedlung genannt. ich weiß nicht, warum. Vielleicht,
weil die Leute, die dort wohnen, immer mau sind. Die Siedlung ist, in ihrer Isolierung,
wie ein Weiler. Die acht kurzen Zeilen stehen Parallel zueinander, immer zwei
zusammen, und durch die Mitte führt eine Erschliessungsstrasse, die durch den
Wald auf den Deutzer Postweg führt.Vor und nach der Einmündung dieser Erschliessungsstrasse
liegen die Parkplätze der beiden Kleingartenkolonien. Diese beiden Kolonien umschliessen
die Siedlung auf drei Seiten. Die Bewohner der Siedlung sind nicht die Nutzer
der Schrebergärten. Die Häuschen haben eigene Gärten. Die Häuschen haben nur 70
bis 80 m/2 Grundfläche. An den Stirnseiten der Zeilen, die zu der Erschliessung
zeigen, stehen viereckige, flachgedeckte Kästen. In ihnen waren früher die Toiletten
und Duschen untergebracht. Vor acht Jahren hat die Stadt Köln die Siedlung saniert
und in die Häuser Bäder eingebaut. Seitdem dienen die Kästen als Kellerersatz.
In ihnen wird hauptsächlich Holz gelagert, denn die Bewohner heizen logischerweise
mit Holz, sie wohnen ja mitten im Wald. Ich sprach dort mit einer Frau, die mit
sieben Jahren mit ihren Eltern dorthin zog und dort aufwuchs. Als sie volljährig
war zog sie für ein halbes Jahr zu ihrem späteren Mann nach Ostheim, kehrte dann
mit ihm zurück und sie bekamen eine eigene Wohnung oder Zimmer, das habe ich nicht
genau verstanden. Sie hat also quasi ihr ganzes Leben in der Siedlung gelebt.
Sie ist stolz darauf, daß ihr Mann nicht aus der Siedlung kommt. Ich frage sie,
wo er denn herkommt, da schmunzelt sie und sagt: aus Ostheim. Sie und ihr Mann
konnten seit acht Monaten die Miete nicht mehr bezahlen und mußten deshalb vor
einem halben Jahr an das entgegengesetzte Ende der Stadt ziehen, an die Escher
Strasse, wo auch städtische Sozialwohnungen stehen. Die Frau kommt jetzt jedes
Wochenende mit ihrem Mann hierher, um im Vereinshaus die alten Nachbarn zu treffen,
Billard zu spielen und ziemlich viel Bier zu trinken. Sie ist todunglücklich,
nicht mehr hier zu wohnen und sagt, sie möchte auf der Schäl Sick begraben werden.
Die Siedlung hat in der Art, wie die Leute miteinander umgehen, viel von einem
Dorf. Sie stärken sich darin, sich nicht zu entwickeln und sie sind füreinander
da, wenn es drauf ankommt. Die Bewohner der Siedlung und die Schrebergärtner haben
nicht viel Kontakt miteinander. Für die Schrebergärtner sind die Bewohner der
Siedlung glaube ich einfach Asoziale und sie gehen ihnen aus dem Weg. Die Schrebergärtner
haben eines der letzten, auch als öffentliche Gastwirtschaft betriebenen Vereinhäuser.
Auch die Siedlungsbewohner haben einen eigenen Raum, den ein Ehepaar von ihnen
als Kneipe betreibt und in dem man Billard spielt. Dieser Raum, das Räumchen genannt,
ist Freitags, Samstags und Sonntags von zehn Uhr Vormittags bis fünf Uhr Nachmittags
geöffnet. In der Zeit halten sich viele Bewohner dort auf, spielen Billard und
trinken ein Kölsch nach dem anderen. Die Spiel-und Trinkregeln sind hier umgekehrt:
Der Verlierer bleibt am Tisch und schmeißt die Runde.
Der alte Deutzer Postweg kreuzte früher, auf seinem Weg vom Königsforst nach Mülheim,
zweimal die Zollgrenze zwischen kurkölnischem und bergisch-gräfischem Gebiet,
da das kurkölnische Gebiet hier keilartig in das Bergisch- Gräfische hineinragte.
Das veranlaßte die Grafen vom Berg im 17. Jahrhundert, die heutige Frankfurterstrasse
zu bauen, auf die der Deutzer Postweg, ungefähr an Stelle einer der ehemaligen
Zollgrenzen, trifft. Von da fährt man über die Frankfurterstrasse schnurgerade
nach Mülheim hinein. An seiner besonderen Art der Kurvigkeit erkennt man das Alter
des Deutzer Postwegs. Das letzte Stück, bevor er Heumar erreicht, ist durch die
Autobahn abgetrennt worden. Er wurde angeschlossen an die Porzerstrasse, die die
Autobahn ein paarhundert Meter weiter auf einer Brücke überquert. Dieser Anschluß,
oder vielmehr dieses Ende, wenn man vom Stadtinneren kommt, ist sehr unvermittelt.
Der Deutzer Postweg dient fast nichts an. Auf vier Kilometern Länge nur die Maumau-
Siedlung, die zwei Kleingartenkolonien, einen Sportschießstand an Stelle der belgischen
Schießstände, das Teeraufbereitungsunternehemen, ein Etap-Hotel, zwei Angelvereine
und drei einzeln stehende Wohnhäuser.
Das Gelände zur Rechten, stadtauswärts gesehen, liegt tiefer als die Strasse selber.
Hier floß früher bei Überschwemmungen ein Rheinarm, wie überhaupt das rechtsrheinische
Köln durchzogen ist von Senken, durch die früher Überschwemmungen fluteten.
Der letzte Abschnitt des Deutzer Postwegs, zwischen der Frankfurterstrasse und
Heumar, führt an drei Wohnhäusern vorbei, die auf einer ehemaligen Auskiesungsfläche
stehen. Hier wurde zwischen dem ersten und zweiten Weltkrieg trocken ausgekiest,
wie das damals üblich war. Erst nach dem zweiten Weltkrieg ging man zur Nassauskiesung
über. Die alten Rheinarme lassen sich oft anhand der Ketten von Baggerseen nachvollziehen.
Zwar liegt im ganzen Rheinland unter den Lößschichten Kies aus Urzeiten, in denen
der Rhein noch kein definiertes Bett hatte, sondern wie eine grosse Überschwemmung
durchs Land floß, aber da, wo er bis in jüngste Zeit noch ein Bett hatte, sind
die Kiesschichten am mächtigsten und die Deckschichten über dem Kies am dünnsten.
Die drei Wohnhäuser sind allesamt ehemalige Bürogebäude von Kiesbaggereien und
Betonherstellenden Firmen. Ich komme mit einem Mann ins Gespräch, der hier geboren
wurde und heute mit seiner Frau und seinen Eltern in einem dieser Häuser, mit
Anbau, wohnt. Er weiß fast alles über den Deutzer Postweg. Er kennt auch die meisten
anderen artverwandten Gebiete in Köln. Wir unterhalten uns bis zur Dunkelheit
über den Ginsterpfad in Weidenpesch, den Nüssenberger Busch, die alte Autobahnringplanung
ums rechtsrheinische und die dafür schon ausgebauten Abschnitte, die heute fast
wie Ruinen wirken in ihrer gewaltigen Ausgebautheit im Verhältnis zu den paar
Autos, die dort in der Stunde entlangfahren. Als es dunkel wird, muß ich mich
verabschieden. Ich drehe noch eine Runde im Halbdunkel. Hinter einer ehemaligen
Maschinenfabrik trifft der Deutzer Postweg auf die Porzerstrasse und ist zuende.
Auf der anderen Seite der Porzerstrasse beginnt besiedeltes Gebiet. Ich fahre
zurück. Drei Kilometer Landstrasse, dann erreiche ich Vingst. Die Reste des alten
Dorfes Vingst sind durchsetzt von modernen Gebäuden, die die alte Strassenführung
ignorieren. So sind Einfahrten, unbebaute Spalte, Gehsteigrücksprünge und Durchfahrten
entstanden, die die Situation komplex machen. Es ist so ein typischer Ort für
einen Kiosk.
Autobahnen, Baggerseen und Gewerbegebiete sind innerhalb des Orientierungssystems,
das ich mit meinen Wanderungen aufzubauen versuche in etwa das, was Ausfallstrassen
und markante Hochbauten für den herkömmlichen Stadtwanderer sind.
In der Wildheit des Kölner Flickenteppichs sehe ich seine größte Stärke . Einführung
in Wildheit ist ein Widerspruch, aber die Gebiete durch die ich führe sind so
komplex und undurchschaubar, daß sie diesen Widerspruch verkraften.
Mit meinen Wanderungen versuche ich, zu verdichten. Verdichten sowohl im Sinne
der Komprimierung als auch im Sinne poetischer Dichtung. Ich verdichte meine Welt.Abgeleitet
von Dichten im Sinne poetischer Dichtung klingt verdichten abfällig. Es klingt,
als würde man durch Dichtung etwas verharmlosen. Verdichten im Sinne der Komprimierung
könnte bedeuten,daß aus dem größten Nichts etwas wird, wenn man nur genügend davon
zusammenkratzt und es mächtig komprimiert. Ich verdichte die Kölner Peripherie
gegenüber ihrer gewöhnlichen Wahrnehmung. Diese gewöhnliche Wahrnehmung wird bestimmt
durch einen sehr selektiven Weg. Mein Weg durch diese Gebiete ist, obwohl ich
Monate brauche, ihn auszufeilen, im Grunde genommen weniger selektiv, als es die
alltäglichen Wege sind. Ich male aus repräsentativen Elementen in annähernd repräsentativer
Zusammensetzung ein Bild. Dieseskann man wahlweise als autonomes Gebilde oder
als die Summe seiner Teile betrachten. Beides ist mir recht. Es ist ein Gebilde,
das nicht versucht, zu definieren, sondern Verhältnisse aufzuzeigen.
Ich gehe nicht durch Zwischenräume. Von Zwischenräumen zu sprechen, setzt eine
Setzung der eigentlichen Räume voraus, die ich nicht mache. Ich mache eine Setzung,
aber es ist nicht eine Setzung von Eigentlichkeiten, sondern eine Setzung von
Abfolge. Ich versuche, die Räume so aufeinander folgen zu lassen, daß sie den
Charakter von Erscheinungen bekommen. Das heißt im Zweifelsfalle, daß ein anderer
Ausgangspunkt, als der willkürlich gewählte, eine andere Folge hervorbringen würde
und damit eine andere Setzung. Potentiell kann jeder Ort in diese Folge von Setzungen
einbezogen werden.
In den Peripherien, die ich erwandere, liegt das Wilde im Sinne des in seiner
Gestalt nicht vorgedachten und nicht Angeeigneten immer nah neben dem Vorgedachten
und Angeeigneten, es gibt eine enge Verzahnung dieser Beiden. Der traditionelle
Landschaftsbegriff bezeichnet Land, das in einem bestimmten Verhältnis von Natur
und menschlicher Einwirkung steht. So kann man auch die Peripherie sehen. Ihr
Anteil an Menschgemachtem ist zwar grösser als der von traditionellen Landschaften
aber ihre Gesamtheit hat nicht deren Lesbarkeit und ihre Natur ist oft extrem
wild. Insgesamt kommt dabei etwas heraus, dessen Vehältnisse der traditionellen
Landschaft ähnlich sind. Eingestreut in diese Landschaft sind die letzten Wildnisse
unserer Breiten. Zu ihnen gehören Brachen ebenso wie Firmenparkplätze. Meine Aufmerksamkeit
konzentriert sich auf diese Wildnisse, weil hier etwas verstärkt zum Ausdruck
kommt, das für Peripherie insgesamt gilt. Es ist die Abwesenheit von vorgedachter
Gestalt und Aneignung.
Die Siedlungen für die belgischen Militärs sind mir von allen die liebsten. Sie
haben keine Zäune und ein sehr loses Strassennetz. Dieses wird ergänzt durch,
oft breit ausgetretene, Wege. Die Wege sind überall da entstanden, wo das Strassennetz
zwei öffentlich zugängliche Punkte nicht direkt verbindet. Sie nehmen immer die
kürzest mögliche Linie und führen auch dicht vorbei an Erdgeschoßfenstern. In
den belgischen Siedlungen werden sie so selbstverständlich akzeptiert wie gebaute
Strassen und niemand käme auf die Idee, ihre Benutzung zu unterbinden. Die Rasenflächen,
auf denen die Zeilenbauten in den belgischen Siedlungen stehen, sind tatsächlich
allgemeingut. Dadurch werden sie verschieden beansprucht und haben oft eine Bodenstruktur
aus Graden verschiedener Abnutzung. Auf einer solchen Fläche steht dann unvermittelt
eine Hauszeile. Die für Deutsche Qualitätsmasstäbe ärmlich gebaute Zeile ist auf
dieser Wiese eine starke Erscheinung. Jegliche Vermittlung zwischen dem privaten
Innenraum und der absolut öffentlichen Fläche, auf der er steht, würde diese Aura
vernichten.
Vor meiner 5000er- Grundkarte von ganz Köln, die sich aus 63 Einzelblättern zusammensetzt,
kann ich Stunden sitzen und im Geiste Wege nachgehen. Sie reicht von Weiden bis
Brück und von Longerich bis Raderthal. Leider ist die Zimmerwand zu niedrig, um
die Karte nach Norden und Süden auszudehnen. Aus dem vollverglasten Fenster meines
Zimmers im zwölften Stock blicke ich nach Osten. Es ist ein unspektakulärer, diffuser
Ausblick. Nur bei klarem Wetter kann man ganz hinten das Siebengebirge und das
bergische Land erkennen, dann kann man sogar einzelne Wiesenflächen ausmachen.
Jenseits des Gremberger Wäldchens entsteht ein neues Gewerbegebiet. Die hohen
Trapezblechhallen ragen, aus dieser Perspektive, so gerade eben über die Bäume.
Bis jetzt schleppt sich der Ausbau des Gewerbegebietes. Die Betreiber des Etap-Hotels
am Deutzer Postweg, in dem wir auch eingekehrt waren auf der Wanderung im September,
beklagen sich über den sehr langsamen Fortschritt. Das Etap-Hotel steht, noch,
so isoliert wie die Herberge an einem Bergpass. Als wir damals mitten in der Nacht
dort ankamen,gab ihm das eine Gastlichkeit, die das Gebäude an sich nicht hat.
Am nächsten Morgen sah man dichten Bodennebel, aus dem bis an den Horizont vereinzelt
Gebüsche und Baumgruppen herausragten. Diese Aussicht, verbunden mit der Orientierungslosigkeit,
die das Zickzack des Weges am Vortag und die letzte halbe Stunde Fußmarsch im
Dunkeln verursacht hatten, machten es möglich, sich an einem fernen Ort zu wähnen.
Text und Bilder sind ursprünglich entstanden
als Diavortrag für ein Symposion im Juni 98 an der Gesamthochschule Wuppertal
mit dem Titel "in -between, Denkräume in der Stadtlandschaft"