10 Reiseempfehlungen zur Entdeckung der A 40

1. Missachten Sie das Systemelement.
Dies ist möglich durch die Beachtung der folgenden Verhaltensanweisungen:

a) Bringen Sie viel Zeit mit.
Allein der mußevolle Aufenthalt an einem Systemelement, das zur eiligen Durchquerung gebaut wurde ist, verwandelt Dieses in einen Ort (geschieht tausendfach in Staus und auf Fußgängerüberwegen). Durch Beachtung dieser Verhaltensanweisung nehmen sie dem Systemelement seine zeitliche Gegebenheit.

b) Wechseln Sie die Fahrtrichtung ziellos.
Dadurch nehmen Sie dem Systemelement seine räumliche Gegebenheit.

c) Knüpfen Sie Kontakte.
Nutzen Sie alle Möglichkeiten der persönlichen Kontaktaufnahme auf und entlang der Autobahn. Dadurch nehmen Sie dem Systemelement seine auf Individualverkehr beruhende transitorische Gegebenheit des Nichtortes, den man in sozialer Hinsicht so verlässt wie man ihn betreten hat. Zu den schönsten Möglichkeiten der Kontaktaufnahme an der B1 zählen: Ein Gespräch mit der Wirtin der Gaststätte Morsbach. Ein Heckengespräch im Kleingartenverein Vietingstr., hinter der Schallschutzwand der Shelltankstelle gegenüber dem Dückerweg. Ein Dosenbier mit jugendlichen in einem der zahllosen Lärmschutzwäldchen. Einkehr bei Familie Lose in der Hombrucherstr. in Essen-Frillendorf.

d) Benutzen Sie zum Verlassen der -und zurückgelangen auf die Autobahn nicht die zum Systemelement gehörigen Auf- und Abfahrtsschleifen. Alternative Möglichkeiten sind:
- Der Halt auf dem Seitenstreifen mit anschließendem Übersteigen der Leitplanke.
- Der Halt auf dem Seitenstreifen mit anschließender Durchquerung der Schallschutzwand durch eine Notausgangstür. Gehen Sie durch die Tür in beide Richtungen: Haben Sie jemals eine Tür durchschritten, die so rein Tür ist, also ein Stück Trennung, das sich in eine Verbindung wandeln kann, ohne dabei selber Objekt zu sein, ein abstrakter Ort des Übergangs?
- Der Halt auf dem Parkplatz einer Tank- und/oder Raststätte mit anschließender Fortsetzung des Weges auf der Betriebszufahrt Derselbigen. Hier bietet sich, im Falle geöffneter Tore, auch die Möglichkeit, das Auto mitzunehmen.

Betrachten Sie diese Schnittstellen als Fenster, hinter deren jedem eine Überraschung wartet, so ähnlich wie bei einem Adventskalender(*). Das Bild auf der Oberfläche ist in diesem Falle nicht die Krippe mit beschweiftem Komet und den heiligen drei Königen, sondern die Asphalt- und Betonlandschaft durch die sie fahren.

Sollten sie das Verlassen der Autobahn mit einer Besichtigung des benachbarten Geländes auf der anderen Seite Derselben verbinden wollen, so eignen sich hierfür besonders Kanal- und Bachunterführungen, sowie natürlich die Fußgängerstege mit ihren herrlichen Ausblicken.

(*) von der Nicht-Autobahn-Seite aus gesehen funktionieren, zumal die Notausgangstüren, im Gegensatz dazu eher wie die Tür in der Schlussszene der "Truman-Show", das heißt nicht als Tor zu etwas, sondern als Ausgang aus Allem (also ästhetisch in völliger Umkehrung der Notausgangsfunktion, die ja gerade nur von der Autobahn aus besteht).


2. Genießen Sie um Himmels willen die Weite, die diese Lineare Wüste bietet.
Das können Sie natürlich durch die Windschutzscheibe, besser aber noch von einem der zahllosen Fußgängerüberwege. Besonders zu empfehlen ist hierfür die ehemalige Schlackenlorenbrücke zwischen der Glückaufstraße und der Straße Am Maarbach in Bochum-Hamme. Mit ein wenig Glück treffen Sie hier sogar eine türkische Familie, die das gleiche genießt und die Ihnen armer, der Sie diesen Ausblick nicht jerderzeit haben können, ein frisch gebackenes Brot aus dem Holzgefeuerten Ofen in ihrem benachbarten Kleingarten anbietet.

Sehr weit blicken kann man auch vom Bahnsteig der Busstation Essen-Frillendorf, der, mitten in der Autobahn gelegen, sowohl den Horizontalen als auch den vertikalen Scheitelpunkt einer über eine Hügelkuppe führenden Kurve markiert (siehe Hierzu auch Punkt 10).


3. Profitieren Sie von den unentdeckten Kontinenten, die die Innenflächen der Verkehrsknotenpunkte darstellen.
Hier können Sie ungestört picknicken, Liebe machen, architektonische Experimente im Sichtschutz der dichten Gehölze ausführen oder sich ein neues Leben aufbauen (siehe hierzu auch "Betoninsel", Roman von J.G. Ballard, Suhrkamp, ISBN 3-518-38453-8) Diese Räume sind häufig erreichbar durch die Zuflußrohre der Regenwasserversickerungsbecken.


4. Betrachten Sie die Autobahn als Narbe.
Was ist alles in dieser Narbe verwachsen? Eine Gruppe alter Platanen zwischen zwei Fahrspuren, das Abbiegen einer weißen Markierung ins Nichts, eine Kurve, die weder durch das Gelände noch durch eine andere sichtbare Erscheinung motiviert ist, könnten Hinweise auf abgestorbene Organe des Stadtkörpers sein. Wenn Sie diese erkannt haben werden sie wie Schemen in der Landschaft, die die Autobahn für Sie allmählich wird, weiterleben.


5. Danke 1
Sollten Sie zu denjenigen gehören, deren alltägliche Nahumgebung von einer oder mehreren Autobahnen, sowie womöglich zusätzlich Gleistrassen, Kanälen und Werksmauern zerschnitten wird (also in einem jener Stadtteile, die als Mind Map kaum bis gar nicht rekonstruierbar sind), sehen Sie es mal so: je überschaubarer die eigene Umgebung ist, desto schneller hat man sie vollständig erfasst und desto schneller wird sie einem auch langweilig. Sie haben das Glück, in einem "ästhetisch nachhaltigen" Gebiet zu wohnen, das heißt in einem Gebiet, dessen Prozess der Landschaft-Werdung, die sich in ihrem Kopf abspielt, vielleicht niemals abgeschlossen sein wird!


6. Danke 2
Im selben Masse, in dem die Autobahn die räumlich zusammenhängende Wahrnehmung von Nahumgebungen behindert, weil sie diese zerschneidet, ermöglicht sie die räumlich zusammenhängende Wahrnehmung größerer Radien. Dafür könnten Sie ihr gelegentlich, bei freier Fahrt auf einem besonders schönen Abschnitt, im stillen "Danke" sagen.


7. Shopping
Verlegen Sie so viele ihrer alltäglichen Tätigkeiten wie möglich auf die bzw. ins Umfeld der Autobahn. Das ist, zumal auf deutschen Autobahnen, nicht einfach, da die umgebende Infrastruktur sich auf das nötigste beschränkt. Auf alle Fälle möglich sind: Shoppen in der Tankstelle. Essen, Zeitung lesen, Kaffe trinken und Duschen in der Raststätte. Sonnenuntergang genießen vom Fußgängerüberweg. Musikhören und telefonieren in voller Fahrt. Schlafen im Motel. Auch die grünen Verkehrsinseln, die Entwässerungssehen der Verkehrsknotenpunkte und die Lärmschutzwäldchen sind für Vieles gut. Eine komplette, auf die Autobahn bezogene Stadt inclusive Läden, Gastronomie und Wohnen finden Sie am Dückerweg. Hier und an der gegenüberliegenden Shell-Tankstelle mit ihrem reichhaltigen Ladenangebot für die hinter der Schallschutzwand liegenden Gärten, offenbart sich am besten der spezielle Charakter der A 40 als eine aus einer uralten, durch halbverstädtertes Gebiet führenden Landstraße hervorgegangenen Autobahn.


8. Erstellen Sie eine Kulturgeschichte anhand von Lärmschutzwandtypen.


9. Strand
Geniessen Sie den Soundscape der steten Brandung sich nähernder und wieder entfernender Fahrzeuge oder einfach ein diffuses Rauschen. Letzteres ist besonders wirkungsvoll als akkustische Untermalung im Angesicht ausgedehnter Schlackefelder mit spärlichem Birkenbewuchs. Auch andere Ruhrgebietstypische Brachflächen gewinnen erst durch die Hinzufügung dieser akkustischen Dimension vollends den Charakter dritter Naturen.


10. Parallelwelten
Im Essener Osten könnten Sie von einem eigentümlichen Anblick überrascht werden: Inmitten der Autobahn fährt ein städtischer Linienbus, jener Inbegriff des um jeden Häuserblock mäandernden öffentlichen Nahstverkehrs. Hat der sich verfahren? Darf der überhaupt mehrere Kilometer am Stück geradeaus fahren?
Entrückt gleitet das sonst viel zu irdene Dieselgefährt mit den zischenden Hydraulikbremsen - das den Einsteigenden stets mit einem leichten Gummigeruch empfängt (stammt der eigentlich von den Reifen oder von den weichen Türdichtungen? Eigentlich ist das ganze Fahrzeug Bus so Schlapp und ohne Körperspannung wie diese Gummilippen und verwandelt auch seine Insassen in haltungslose Körper)- auf einem Teppich aus grünem Rasen dahin. Dieser Rasen, so gepflegt und perfekt geschnitten, dass man darauf Bahnengolf spielen kann, schluckt soviel Fahrgeräusch, dass die Verwandlung, die da unter einem vorbeizieht (wiederum von einem der vielen Fußgängerstege aus betrachtet), vollends zur Fata Morgana wird.
Sollten Sie mit dem Bus fahren, so empfiehlt es sich, auf dem vordersten Sitz rechts hinter dem Fahrer Platz zu nehmen, um den unter einem hinweg ziehenden Grasteppich sehen zu können. Besonders empfehlenswert ist der Abschnitt zwischen Essen-Kray und Essen-Frillendorf um die Mittagszeit: Die Perspektive der leicht ansteigenden Linkskurve mit ihrer wie durch Zentrifugalkraft an den rechten Straßenrand gepressten Wohnbebauung im Sonnenlicht, verbunden mit dem geräuschlosen dahin gleiten auf dem leuchtend grünen Rasenteppich und dem sechsspurigen Verkehr des Asphaltbrettes, in das Dieser eingelassen ist, macht aus der Busfahrt großes Kino.