Im Rahmen des Begleitprogramms zur Ausstellung „War die Zukunft früher besser? – Visionen für das Ruhrgebiet“ (Rheinisches Industriemuseum Oberhausen, bis 17. September 2000) unternimmt der Künstler Boris Sieverts Rundgänge der außergewöhnlichen Art: Ortsbesichtigungen zu Fuß, bei denen die Rückseiten der Stadt- und Industrielandschaft sichtbar und auf ungeahnte Weise neu erfahrbar werden.
Abseits der vorhandenen Wegenetze führt die Erkundung auf „verbotenen“ Trampelpfaden entlang verwilderter Bahngleise, rauschender Schnellstraßen und beschaulich dahinfließender Kanäle durch das oft nur unbewußt wahrgenommene urbane Gefüge Oberhausens. Stationen dieser Reise „im Vorübergehen“ sind private Schrebergärten, Garagenhöfe, versteckte Kinderspielplätze, stillgelegte Gleisdreiecke, Schotterplätze, der Volksgolfplatz Jakobi sowie die aus dem öffentlichen Bewußtsein verdrängten, weil meist unzugänglichen Industriebrachen. Verlassene Ringlokschuppen, Zechengelände und Stahlwerke eröffnen dabei den Blick auf die Geschichte der Region, während Wohnsiedlungen, akkurat angelegte Vorgärten, Parkplätze und die belebte Centro-Promenade vom Appeal und den Bedingungen heutiger Lebenswelten berichten. Gerade die vielen Brüche und Gegensätze im Bild der Stadtlandschaft sind es, die einen facettenreichen Einblick in die vielgestaltige Szenerie des Ruhrgebiets vermitteln.
Eine erste Tour fand bereits am 10. Juni statt. Dabei erlebten die Teilnehmer ein Wechselspiel faszinierender Raumfolgen. Unter der unaufdringlichen, gleichwohl souveränen Regie des Exkursionsleiters traten vergessene, aber sehenswerte Orte als Zwischenraum in Erscheinung, wobei „Teil dieses Flusses durch die Weiten des Stadtraumes … Begegnungen mit Menschen“ waren. Neben der Auseinandersetzung mit der mehr oder weniger gestalteten Umwelt gab es somit also auch Gelegenheit, einzelne ihrer Bewohner kennenzulernen: einen Taubenvater während des Picknicks am Rande der Gartenkolonie, eine russische Spätaussiedlerfamilie aus Omsk beim oppulenten Gastmahl unter freiem Himmel. An reich gedeckter Tafel mit Borschtsch, Piroggen, Blinis, Heringssalat, Krautwickeln und Kartoffelfrikadellen waren hier persönliche Geschichten aus Sibirien zu erfahren.
Übrigens: Für reichhaltige Verpflegung wird auch dann gesorgt sein. Jörg Meißner