clip16 17-10-2002 
Der Schäfer der Un-Orte

Die Kölner Web-Künstler von Datenstrudel suchen eine „Savanne“ in einer 50er-Jahre-Siedlung für einen Videodreh. Boris Sieverts bietet in Köln Stadtrand-Tourismus an und kennt sich mit obskuren Orten in der Stadt aus

Köln-Ostheim, eine Wohnsiedlung aus den 50er-Jahren: dreistöckige Blöcke, rauhe graue Fassaden, Rasenflächen. Gehwegplatten bahnen Wege durchs Grün. Ein Spielplatz liegt verlassen im Regen. Zwischen den Häusern huschen drei Gestalten umher. Der Blonde trägt eine gelbe Regenjacke, der mit den schwarzen Locken und schwarzer Hornbrille eine rote Trainingsjacke, der dritte eine Outdoorjacke. „Das sieht ja super aus“, sagt der Blonde und zeigt auf die Balkone eines Hauses. Der Gelockte hält seine DV-Kamera drauf. Dann sagt er: „Ich fände es gut, wenn es noch einen Durchgang gebe, und auf der anderen Seite wäre man in einer anderen Welt.“ Der mit der Wandererkluft nickt und geht vor.

Die Drei suchen in der Kölner Peripherie eine „Savanne“. Oder sowas ähnliches. Jörn (blond) und Jakob (lockig) sind zwei Mitglieder von Datenstrudel, eine Gruppe von Kölner Filmemachern, Künstlern und Informatikern. Seit anderthalb Jahren senden sie im Internet monatlich Web TV der besonderen Sorte (check www.datenstrudel.de). Die Savanne brauchen Jörn und Jakob aber als Location für das Musikvideo zur Single „Antilope“ von Peter Licht, dessen Songs „Sonnendeck“ und „Heiterkeit“ Datenstrudel auch schon bebildert hat. Eine Savanne im Vorort? Die Datenstrudel-Jungs haben sich einen Experten für ungewöhnliche Orte in der Stadt dazugeholt: Boris Sieverts, der mit seinem „Büro für Städtereisen“ Touren zu „Un-Orten“ anbietet, „an denen die Stadt aufhört, Stadt zu sein“. Und natürlich findet Boris eine Savanne in Köln-Ostheim.

Ein Hinterhof in der Nähe der Kölner Messe. Auf dem Weg hierher hat das Navigationssystem auf der Straßenkarte mäandernde und strudelnde Kurse gemalt, dass es nur so eine Art hatte. Auf dem Hof angekommen scheint die Straße nun weit weg. Der Fahrradladen, die Autowerkstatt, die Ateliers und die kleine Filmproduktioen, die in ehemaligen Fabrikgebäuden ringsum untergekommen sind, lassen nichts von sich hören. Boris Büro liegt im hinteren Teil des Geländes. Der Hof könnte einer der Orte sein, zu denen Boris seine Touren führt. „Das ist gar nicht so geheim“, widerspricht Boris mit ruhiger Stimme. Die blauen Augen in seinem schmalen Gesicht leuchten offen unter seinen kurzen schwarzen Haaren.

Unter „geheim“ versteht Boris Orte wie Brachgelände mitten in der Stadt, von denen es ziemlich viele gibt und mit denen seine Leidenschaft für „Un-Orte“ begann. „Die Abwesenheit von Aneignung, Verwertung und Gestaltung“, solche Nullstellen im Stadtraum ziehen Boris an. Diese Orte verbindet der 33 Jahre alte Ex-Kunststudent mit einem Gefühl, das er so beschreibt: „Nach dem Badesee durch den Wald nachhause gehen, plötzlich öffnet sich eine Lichtung, die man noch nicht gesehen hat“ - ein Ort, der nur sich selbst gehört. Oder einer dieser Peripherie-Bereiche, in denen sich der Stadtraum zwischen Baumarkt, Autobahnzubringer und Drive In aufzulösen scheint, „kein Raum, nur noch einzelne Funktionen“, wie Boris sagt.

Ich muss an einen Song von Tocotronic denken. „Der schönste Tag in meinem Leben war ein Donnerstag / Auf der Straße auf dem Parkplatz vor dem Supermarkt/ An allen mir verhassten Orten, an denen nie etwas passiert / In der komischen Passage, durch die niemand mehr flaniert / Überall wo ich nie bin, in dieser doch recht schönen Stadt / Überall, wo ich nie bin und niemand mich gesehen hat / Schaute ich mich um, und ich war allein, und völlig ohne Grund, war ich glücklich, es zu sein/ Und ich wühlte mit der Hand in meinen Taschen und ich fand einen Zettel, auf dem stand: Das ist der schönste Tag in meinem Leben.“ Aber zurück zu Boris.

Nach den ersten Entdeckungen auf Brachflächen fotografierte Boris seine Un-Orte, doch die Bilder speicherten nicht das Gefühl der Orte. „Ich wollte dieses elegische Gefühl reproduzieren, und sehen, ob es sich vielleicht verliert, wenn man nicht mehr alleine umherstreift“, sagt er. 1997 nahm er zum ersten Mal testweise Freunde mit auf eine Tour: „Das Gefühl wurde im Gegenteil noch stärker. Man nimmt einfach an, das etwas sehenswert ist, weil man es sich mit einer Reisegruppe anguckt.“ Diesen Effekt beobachtet Boris auch heute noch bei seinen Touren durch Köln, das Ruhrgebiet oder auch Paris: „Am Anfang könnte ich den Leuten alles zeigen.“

Doch Boris geht es um etwas Bestimmtes: „Die Polarität zwischen dem Stadt-Konzept des 19. Jahrhunderts wie hier in der Kölner Innenstadt und dem verfallenden Raum in der Peripherie, den ich auch als eine Stadtlandschaft sehe.“ Der Kontrast zwischen einer „Ästhetik der Fülle“ – „die Boulevard-Situation am Kölner Ring am Wochenende, Multiplexe, Kneipen, cruisende Autos“ – und „einer Ästhetik der Abwesenheit“. In Boris Büro ist es still, draußen fällt leise der Regen. Ich sehe Boris Gesicht, und doch sehe ich Straßen voller Menschen, dann einen leeren Obi-Parkplatz. Der Mann muss eine Bildermaschine in der Stimme haben. Von seinen Touren kann er seit etwa einem Jahr leben, erzählt Boris. Dass sich seine Faszination rumspricht, glaube ich gern.

„Ästhetik der Abwesenheit“, denke ich und habe schon wieder „Der schönste Tag in meinem Leben“ im Ohr. Boris kennt den Song nicht, sagt aber: „Ich habe vier, fünf Lieder von denen gehört, die Jungs von Tocotronic würden wohl verstehen, was ich meine.“ Ich bin mir sicher. Boris muss bei der Frage nach seinem musikalischen Lieblings-Ort nicht lange überlegen: „Penny Lane“ von den Beatles. „Ich habe mal gelesen, Penny Lane sei eine Busendhaltestelle in Liverpool“, sagt Boris: „Da stelle ich mir einen Wendehammer vor, ein paar Häuser, und direkt dahinter beginnt der Acker.“ Sagt Boris und malt die Szene auf ein Blatt: Wendehammer, Haus, Ackerfurchen … „Penny lane is in my ears and in my eyes/ There beneath the blue suburbian sky”

Wie entwickelt man diesen Blick für Leerstellen in der Stadt? „Ich habe mal in Frankreich als Schäfer gelebt“, erzählt Boris. Die Frage in meinem Gesicht übersieht er nicht: „Als Schäfer guckt man nicht auf die Häuser, sondern auf das Dazwischen, denn da ist das Futter für die Schafe. Für Schäfer stehen Häuser erstmal nur rum.“ Was Häuser angeht, gebe es eben schlechtes und gutes Rumstehen. Ein Palazzo zum Beispiel könne mitunter sehr gut rumstehen, sagt Boris. Doch spannender findet er den Raum zwischen rumstehenden Häusern. Ich muss lachen – mit Schäfer Boris nach Un-Orten suchen auf den Wiesen im Dazwischen. Kein Zweifel, dort ist das Gras am saftigsten. Aber mach daraus mal einen Song.